Das Internet rettet die Welt. Verdummt alle. Nicht. Doch. Nein. Doch. Ach.

Ich bin ja inzwischen doch schon ein bisschen älter und stieß deshalb bereits in der ersten Hälfte der Neunziger Jahre auf dieses „Internet“. Gegenüber damaligen „early adoptern“ relativ spät, ich bin zwar jemand, der irgendwie jeden Scheiß mitmachen muss, aber meist bekomme ich den Scheiß erst mit, wenn die, die jeden Scheiß mitmachen müssen, ihn schon eine gute Weile mitmachen. So auch beim Internet. Natürlich, als „Computerfreak“ seit den Achtigern und schon immer technikinteressierter Mensch seit frühester Kindheit, habe ich lange Zeit vor meinem eigenen Einstieg ins Internet schon von „Datenfernübertragung“ gelesen, von Akustikkopplern und von vernetzten Computern, Hacker waren schon in den frühen Achtzigern Themen meiner Lieblingsfilme und -bücher. Und ich hatte Freunde, die nerdig genug waren, da schon weit früher als ich aktiv mitzumischen.

Vom Zuschauer zum Akteur aber wurde ich erst Anfang/Mitte der Neunziger. Als das „WWW“ bedienungsfreundlich genug geworden war, so dass auch ich einen Zugang in diese Welt finden konnte. Diese Dings-Boxen, die über irgendwelche lokalen Einwahlknoten erreichbar waren, die man aber irgendwie abonnieren musste, abholen, hinschicken, mit Terminal-Eingabezeilen und all sowas – da konnte ich nichts mit anfangen. Jens hat sich da letztens ja mit Oliver drüber unterhalten, das empfand ich als unendlich kompliziert. Ich habs ja schon mal gesagt: ein klassischer „Nerd“ bin ich nie gewesen.

An der Technik, wie ich sie da kennenlernte, hat sich bis heute nicht viel geändert. Die gewachsene Bandbreite, der billige Speicher und die leistungsfähigen Geräte ermöglichen mehr Geschwindigkeit für aufwändigeren Inhalt, aber wenn mans rein funktional betrachtet gibt es da viel weniger Unterschiede als man vielleicht denkt: ich habe Mitte der Neunziger auf der Babylon5-Seite die Trailer und Reviews zu den aktuellen Folgen angesehen, als im deutschen TV noch mit einem Jahr Verzögerung die Folgen der vorangegangenen Staffel ausgestrahlt wurden, wie ich heute in Dr. Who oder andere Serien reinschaue, bevor sie überhaupt auf einem heimischen Sender zu sehen sind, wenn sie es da denn überhaupt sind. Der Unterschied, Bandbreite und Datenmenge, ermöglicht das als Stream in hoher Auflösung und komplette Filme anstatt in kurzen Videos von einer Minute in 360 Pixeln breit, für die man dennoch eine halbe Stunde brauchte, sie runter zu laden. Ähnliches gilt für fast jede „Netztechnik“ – erinnert sich noch wer an „Quicktime VR„? Die Technik ist jetzt ziemlich genau 20 Jahre alt. Androids „Photo Sphere“ ist nichts anderes. Geändert haben sich Bandbreite, Speicher und Rechenpower. Aber nicht die grundsätzliche technische Funktionalität.

Wenn Feuilletonisten, Marktschreier, Politiker, Aktivisten, Maschinenstürmer und was weiß ich noch alles heute über „das Internet“ schreiben, reden oder reflektieren wundere ich mich deshalb oft sehr. Immer wieder geht es um ein „neues Medium“ (Merkels „Neuland“-Zitat letztes Jahr war da ein Höhepunkt einer langen Liste) und dessen wahlweise „Potentiale“ oder „Gefahren“, alles so neu und deshalb unabsehbar wie dennoch mit der Sicherheit des Unfehlbaren entweder in den totalen Untergang oder in das Paradies führend.

Worüber reden diese Leute? Über eine Technik, die es seit über 30 Jahren für theoretisch alle verfügbar und seit mindestens 20 Jahren als bezahlbare Mainstream-Technik gibt. 30 Jahre. In etwa so einer Zeitspanne hat man die Neueinführung wie auch die Abschaffung der analogen Videotechnik für den Massenmarkt gesehen. Vom Kauf-Video bis zur Videokamera. Vor 10 Jahren, als VHS-Geräte, von Player über Recorder, Kameras, Schnitt- und sonstigem Zubehör und natürlich auch einfach nur die Kaufvideos endgültig aus den Geschäften verschwanden und ihren längst eingeführten digitalen Nachfolgern Platz machen mussten, war das mit 30 Jahren auf dem Buckel schlicht veraltete Technik, bei der niemand auf die Idee gekommen wäre, das hochkomplexes „Neuland“ zu nennen. Aber das Internet ist was völlig „Neues“, mit dem man „jetzt“ erst einmal umgehen lernen müsse? Menschen, die nicht viel älter sind als ich, haben regelrechte Panik vor dieser „neuen“ Technik? Menschen, die hoch gebildet sind, intellektuell über dem Durchschnitt liegen, es seit Jahrzehnten gewohnt sind, mit Informationen zu arbeiten, sind überrascht von einer mindestens 30 Jahre alten Technik, begreifen sie nicht und lehnen sie deshalb kategorisch ab oder sehen nur Gefahr, Gefahr und wieder Gefahr? Was ist da los?

Natürlich ist das Mainstream-Internet für die meisten Menschen ein Konsum-Medium. Das war Video auch, die Hauptnutzung war, mal eine TV-Sendung aufzunehmen und zu einem späteren Zeitpunkt anzuschauen, und viele fluchten darüber, dass sie auch nach 15 Jahren noch nicht geschnallt hatten, wie man eine Aufnahme so programmiert, dass der Recorder auch tatsächlich zum richtigen Zeitpunkt die richtige Sendung aufnahm. So wie viele heute fluchen, weil ihnen die Einrichtung eines Mailaccounts im Mailprogramm schwer verständlich ist. Oder ich, wenn ich einen solchen mit einer Usability-Katastrophe verschlüsseln will.

Aber schon in den frühen Achtzigern wurden dennoch von ganz normalen Leuten auch Familienvideos gedreht, von der Hochzeit über die Urlaubsreise, und manche Enthusiasten, die die Technik noch etwas besser checkten und vielleicht auch etwas mehr Kohle ausgeben konnten für die entsprechenden Gerätschaften, machten „richtige“ Filme, von Fiction bis Reportage, mit aufwändiger Nachvertonung und Tricks und allem drum und dran. Es gab in den Achtzigern so gut wie keine Schule ohne „Video-AG“, sobald diese Technik für den Massemarkt erreichbar war. Genauso ist das heute auch mit diesem „Internet“: die meisten „konsumieren“, und einige nutzen sie für mehr. Und ich würde mal behaupten: letzteres deutlich mehr als zu Video-Zeiten. Mit deutlich mehr Reichweite und deutlich mehr Möglichkeiten, weil diese Technik inzwischen niederschwelliger geworden ist als es die Videotechnik je war, können auch deutlich mehr Menschen über den reinen Konsum hinaus gehen. Dennoch ist das Internet eine „neue, ungewohnte“ Technik?

Heißt das jetzt, dass die, die „das Internet“ nicht begreifen, einfach doof sind?

Nein, denn bei diesen Ängsten und Unsicherheiten geht es nicht primär um die Technik. Denn die, das kann man ja mit etwas Distanz problemlos erkennen, ist ja wie gesagt grundsätzlich erst einmal nicht neu. Selbst die modernen Smartphones sind nichts weiter als eine technische Weiterentwicklung, eine Zusammenfassung verschiedenster Geräte und Medien-Techniken, die es zum Teil schon sehr lange Zeit gibt: Telefon, Photo, Film, Recorder, Brief, Telegramm, Fernsehen, Radio, Funk, Zeitung, Buch, usw. usf..

Relativ „neu“ dabei ist aber, dass das alles in einem – mit dem Smartphone überdies handlichen – Gerät steckt, das man immer dabei haben kann. Und neu ist, wie diese ganzen verschiedenen Geräte und Techniken ineinander verschränkt sind und sich miteinander verbinden lassen. Eine Hochzeit kann ich damit filmen und während ich das tue schon per Stream irgendwohin hochladen, von wo es automatisch an Interessierte verteilt werden kann oder wo sie sogar live „dabei“ sein können. Also nicht mehr erst Filmen, dann zuhause auf andere Kassetten überspielen, jede einzelne verpacken und per Post zu Freunden und Verwandten schicken, so dass sie das zwei Wochen später in ihren Player einlegen und angucken können.

Das also ist der eine Faktor, der tatsächlich anders ist als noch vor 10 oder gar 20 Jahren, auf der technischen Seite: eine relative Unabhängigkeit vom Faktor Zeit und Raum, die tatsächlich noch nicht sehr lange für im Prinzip jeden Menschen „verfügbar“ geworden ist. Hier hat „das Internet“ mit dem Ausbau der Bandbreiten, Leistungen und Speicherkapazitäten den „klassischen Medien“ Privilegien genommen. Das Privileg nämlich, Raum und Zeit zu verkleinern. Ich schaue ja regelmäßig die „tagesschau vor 20 Jahren“ wie auch die „vor 25 Jahren“. Das erdet. Nur hochmoderne Massenmedien hatten die technische Möglichkeit, Geschehnisse vom anderen Ende dieses Planeten live in unser Wohnzimmer zu übertragen. Hatten absoluten Informationsvorsprung durch ihre Ticker, Reporter vor Ort und überhaupt: Ressourcen, die sich kein Privatmensch auch nur ansatzweise hätte leisten können. Die Möglichkeit, Dinge ad hoc zu verifizieren oder gar zu korrigieren fehlte überdies komplett.

Mit Email, Newsgroups, Foren und Blogs bröckelte dieses Privileg schon sehr früh langsam ab. Das erste Mal für theoretisch jeden nicht mehr zu übersehen während des Irakkrieges 2003. Als ich über „Salam Pax“ Blog „Where is Raed?“ mehr über den Irak-Krieg mitbekam als über jedes Massenmedium saß ich manchmal tatsächlich heulend vor dem Bildschirm, wenn ich sein Blog las. Oder entsprechende andere Blogs von meist bis dahin reinen „Privatleuten“, die sich plötzlich inmitten eines Weltgeschehens wiederfanden und nicht mehr über ihr Mittagesssen bloggen konnten sondern über das berichteten, was da direkt vor ihrer Haustür abging. Und mich als Leser viel direkter – und durch die persönliche Perspektive auch deutlich differenzierter als jede massenmediale Vereinfachung es schaffen konnte – erreichte. Mittendrin. Mit Gefühlen, Verwirrung, Angst und Freude. Bei einem „echten“ Menschen, der echte Gefühle und Emotionen ausdrückte und entsprechend auch hervor rief. Mit dem man sogar „reden“ konnte, über die Kommentare. Nachfragen, wenn man was nicht verstand oder Dinge sich widersprachen. Und der meist sogar antwortete. An allen etablierten und bis dahin mit durch nur ihnen zugängliche Ressourcen ermöglichten privilegierten Informationsmonopolen vorbei.

Spätestens dann seit den Livetickern und sogar Live-Videostreams von den Protesten in Tunesien, Ägypten und Syrien, die irgendwelche Menschen per Handy ins Internet pusteten, sind die letzten technischen Ressourcenvorsprünge gefallen. Während ich während des Irakkrieges noch parallel zu den Mainstreammedien Alternativen las, war für mich Tunesien der nächste große Augenöffner: ich verfolgte die Geschehnisse in Tunesien schon drei Monate lang, als die Sache das erste mal in der Tagesschau auftauchte. Grade mal zwei oder drei Tage(!), bevor dort alles vorbei war. Entsprechend enttäuschend empfand ich die „offizielle“ mediale Erarbeitung des Themas: oberflächlich, teilweise schlicht falsch, aus Unwissenheit und weil niemand dort die Entwicklung dieser ganzen Sache wirklich verfolgt hatte.

Nicht, weil es „die bösen, gesteuerten Systemmedien“ sind, die „nur berichten, was irgendwelche Eliten ihnen vorgeben“. Nein, weil fast die komplette „professionelle“ Journalistenschaft das, was da unten abging, schlicht falsch eingeschätzt hatte und hinterher vor der unmöglichen Aufgabe stand, eine drei Monate und länger dauernde Entwicklung mit vielen Wendungen, Protagonisten und verschiedensten Motivationen rückwirkend zu begreifen. Und teilweise auch die Notwendigkeit nicht auf dem Schirm hatten, es überhaupt zu versuchen. Weil sie ja alle „ihre Quellen“ haben, ihre „Profis“ vor Ort, ihre eigene Filterbubble – der sie auch noch vertrauten, nachdem ebendiese sie schon komplett blind für die vergangenen drei Monate gemacht hatte. Die aber selbst wiederum so in ihrem eigenen kleinen Umfeld vom Rest des Geschehens abgeschirmt sind, dass auch ihnen ihre Filterbubble im Weg stand. Ein blinder Hund für einen Blinden, da kann nichts bei rauskommen. Dazu dann der Drang, das Geschehen wieder in das eigene Weltbild einzupassen. Und schon rutscht man in gewohnte Stereotypen. Je weniger reale Substanz, desto stereotyper.

Ich kann mich gut an manche Äußerung von Tagesschau-Leuten erinnern: Man habe ja Kontakte in Tunesien gehabt, aber die hätten das halt auch falsch eingeschätzt, ein paar Unruhen, keine Führer, die die Massen irgendwohin bewegen könnten, deshalb werde das einfach wieder abebben wie es aufrauschte. Konnte ja „keiner“ ahnen. Weil eben in der Welt der „Profis“, die mit anderen „Profis“ zu tun haben, mit Politikern, mit „Persönlichkeiten“, die „Einfluss“ haben, nicht einfach so etwas „aus dem Nichts“ – ohne entsprechende zentrale Person oder Orgamisation – passieren kann, das Auswirkung hat. Man konnte diese verzweifelte Suche nach Personen, zentralen Figuren und deren Motive und „Absichten“ erst zuletzt wieder sehen, bei den Geschehnissen in der Ukraine.

Dass da verschiedenste Leute „einfach so“ auf die Straße gingen, weil sie die Korruption der Politiker Leid waren – und zwar aller Politiker, auch der sogenannten „Opposition“, ist ihnen nicht erkennbar. So suchen sie Motivationen und Protagonisten in der EU, bei den Russen, bei „der Opposition“, überall, nach Personen und Absichten. Nur nicht dort, wo sie sie hätten finden können: den „normalen Leuten“. Denn die haben in dieser Welt keine Relevanz.

Das allerdings ist keine exklusive Blindheit bei Journalisten, sondern schlicht „menschlich“ und ganz normal: von Links wie Rechts, von Oben und Unten gehen die Verschwörungstheorien, die Vermutungen und Spekulationen und die Deutungen und Verständnisfragen nicht über die Suche nach „verantwortlichen“ Parteien, Personen, Hintermännern oder was auch immer hinaus. Nicht, weil mans so wollte. Sondern weil man für alternative Muster blind ist. Ob mans nun „Schwarm“ nennt oder „chaotisch inhomogene Massenstruktur“: solche Muster sind schwer einzuordnen, vor allem, wenn man dann noch in einem Gut-Böse-Stereotyp gefangen ist, in das man Dinge einordnen möchte, wie man das aus Hollywoodfilmen kennt, aber das mit einer bunten, ambivalenten Welt nicht viel zu tun hat. Man sieht am besten, was man „kennt“ und gelernt hat, und ist blind für alles, was nicht ins eigene geprägte Wahrnehmungsmuster passt – je unbewusster desto effektiver.

Aber ich schweife ab. Die Frage, die man dort allenthalben liest, wo zumindest die Erkenntnis, dass solche und ähnliche Geschehnisse nicht unbedingt auf einen „Plan“ oder den Impuls einer einflussreichen Einzelperson, Organisation, Partei, Gruppe, whatever (Stichwort: „relevanter Ursprung“) zurückzuführen ist, ist: „Hat ‚das Internet‘ das verursacht?“. Kurze Antwort: Nein, denn „das Internet“ ist Absichts- und Motivationslos, so als reine Technik. Wäre das ohne Internet möglich gewesen? Wahrscheinlich schon, aber wohl nicht so bequem und nicht in diesem umfassenden Sinn Teilhabe ermöglichend. Der Aspekt des Internets, der sich zur Nutzung anbot war dessen Bereitstellung von Kommunikationsmöglichkeiten und Teilhabefunktionalitäten.

Diese sind neutral, denn es sind dieselben Funktionalitäten, die mir auf Amazon ermöglichen, Rezensionen zu lesen, zu schreiben, zu kommentieren, zu bewerten und mich von diesen beraten zu lassen oder andere zu beraten, auf facebook meine Timeline mit hirnrissigen Verschwörungstheorien zu fluten und mich dann mit Leuten zu streiten, die das hirnrissig finden, oder auf Instagram Fotos meines Mittagessens zu veröffentlichen. Oder viel zu lange Texte in mein Blog zu faseln.

Um die Kurve zu kriegen: Nein, nicht „das Internet“ macht irgendwas. Menschen machen. Und was sie machen ist abhängig von ihrer Motivation und Intention. Entsprechend ist dann auch das, was dabei rauskommt. Schlau, dumm, informativ, verwirrend, gelogen, berechnend, spontan, geplant, laut, leise, manipulativ, überzeugend, whatever. Das Internet ist ein Massen-Kommunikationsmedium geworden. Entsprechend findet man dort „die Masse“. Und das sind eben: dumme Leute, schlaue Leute, differenzierte und indifferente, mehr oder weniger gebildete, Arschlöcher, Nette, Schüchterne, Extrovertierte, Selbstdarsteller – eben alles, was da in der Welt an Menschen zu finden ist und rumrennt. Und die machen halt auch „im Internet“ das, was sie sonst auch machen: Witzchen, flirten, dummes Zeug sagen, lesen, schreiben, rumlabern, sich irren, recht haben, diskutieren, Leute beleidigen, Leuten helfen, anderen ihre Sachen zeigen (Essen, Katzen, was sie lustig finden, was sie Scheiße finden, ihre Arbeit, ihre Hobbies, Fotos, Bilder, Musik, Filme, Reiseerlebnisse, Meinungen, whatever), in der selben Bandbreite wie es halt diese Leute auch gibt. „Früher“ haben sie Leserbriefe geschrieben, heute kommentieren sie irgendwo. Und die Idiotie mancher Kommentare – und speziell deren Menge – hat nichts mit dem „Schutz der Anonymität“ zu tun sondern schlicht mit dem geringeren Aufwand. Denn die Idioten gabs schon immer. Man konnte sie nur nicht so gut sehen bzw. besser ausblenden. Aber weniger oder weniger idiotisch? Unsinn.

Die Leute werden dümmer? Sie glauben an Verschwörungstheorien, fallen auf Falschmeldungen ein, lassen sich manipulieren? Mehr als „früher“TM? Unsinn.

Das Zeug findet sich eben jetzt nur auch im Internet und nicht mehr nur im entsprechenden Regal von Buchhandlungen und Bibliotheken. Ich hatte in den Achtzigern einen Bibliotheksausweis der Stadtbibliothek und habe ihn regelmäßig genutzt, mir spannende Bücher über das Bermudadreieck, UFOs, das Philadelphia-Experiment und was es da alles sonst so an Schinken gab, auszuleihen. Außer der 9/11-Verschwörung gibts heute im Netz eigentlich keine krude Strory, die es damals nicht auch schon gab. Mit dem Unterschied, dass man für das dazugehörende Debunking weit umständlicher recherchieren musste wie heute. Die Stories gab es genauso wie heute, und die Leute, die das, was da in diesen Büchern stand, unkritisch glaubten, gab es genauso wie heute. Sie kommen einem vielleicht einfach nur mehr vor, was aber nicht daran liegt, dass es mehr wären sondern daran, dass man im Internet schlicht mehr Leuten begegnet.

Kleine Anekdote dazu: Ich fand es damals, erste Hälfte Neunziger, unheimlich spannend, in Newsgroups zu diskutieren (das war eigentlich nicht viel anders als facebook, nur per Mail) – ich fühlte mich relevant, gehört, gesehen – Leute aus Amerika!!! antworteten mir, und aus Australien!!! Die riesige Welt, bei mir zuhause, und ich sprach mit allen!!! ALLEN!!! – nunja, irgenwann merkte ich: mit allen 30-40 Leuten, die regelmäßig in dieser oder jenen Newsgroup aktiv waren. Und die auch nur, wie ich, vor einem Monitor saßen und Dinge posteten, die 40 andere lasen und die ein halbes Jahr später vergessen waren, was man daran merkte, dass das in etwa das Intervall war, zu dem sich Themen mit samt der dazugehörenden Diskussion und Argumentation wiederholten. So wie alle halbe Jahr die selben Fakemeldungen durch Facebook geistern. Oder lustigen Videos. Oder eben auch „relevantere“ Diskussionen. Oder so, wie ich in diesem Blog hier irgendwann nicht mehr recht wusste, ob ich jetzt wirklich den Artikel zum Thema Überwachung schreiben will, oder ob ich einfach den Artikel von vor ein paar Jahren kopiere und nur ein paar Namen von Protagonisten austausche.

Die „Empörungswellen“, die derzeit beklagt werden, sehe ich als nichts weiter als Indiz dafür, dass einfach viel mehr Menschen inzwischen in diesem „Internet“ angekommen sind. Und viele davon halt die Einschätzung von Relevanzen noch nicht feinjustiert haben, so wie ich fast die kompletten Neunziger gebraucht habe, das zu tun. Ein ganz normaler Lernprozess, den 99,9% der Leute irgendwann auf die Reihe bekommen werden. Und die, die das schon auf die Reihe bekommen haben, stecken vielleicht grade im Prozess, Geduld zu lernen mit Menschen, die sich halt mit etwas noch nicht so gut „auskennen“ wie man selbst und sich vielleicht dazu einfach mal an seine eigenen Anfänge zu erinnern. Das ist das Problem von nicht mehr bewusstem „Wissen“: dass der Computerexperte dem Anfänger, der ihm erzählt, dass sein PC nicht funktioniert, was von Grafikkarten und Treibern erzählt. Und vergisst, dass es für einen Anfänger unter Umständen schon das Problem gibt, bei heutigen Designgeräten den Einschaltknopf zu finden. Da gibt es keinen Grund zur Arroganz. Wenn man sich mal kurz hinsetzt und an die eigenen Anfänge zurückerinnert, egal, um welchen Bereich es geht. Ich merke das z.B. auch gern bei Trommel/Cajon-Workshops, die ich gebe. Wo ich mir sehr bewusst machen muss, dass es eben nicht selbstverständlich ist, zu wissen, wo die Eins ist. Oder überhaupt zu wissen, dass es eine gibt.

Ich habe über 800 „friends“ auf dem Gesichtsbuch, dazu Google+, Twitter, diverse special interest-Portale, Mailinglisten etc. pp. – mit so vielen Menschen stand man früher einfach nicht in mehr oder weniger starkem Dauerkontakt, dazu noch die „friends of friends“, usw. – das Internet ist ein Kommunikationsmedium. Mit bei weitem mehr Leuten als zu Zeiten, in denen man Menschen Aug in Auge treffen musste oder anrufen oder einen Brief schreiben, um sich mit ihnen zu unterhalten. Oder sich in einem Café oder auf dem Marktplatz treffen, wo dann, vielleicht und zufällig, auch mal ein Bekannter dazu kam. Oder ein Bekannter eines Bekannten, der dann einfach mal mitredete.

Der Punkt ist also: an der absoluten Quantität des Dummfugs in der Welt hat sich nichts geändert, aber durch die Potenzierung der Gelegenheiten, mit Menschen in Kontakt zu treten – man ist quasi ständig auf einem belebten Marktplatz, dem Café und im Wohnzimmer mit seinen Freunden gleichzeitig – potenzieren sich auch die Gelegenheiten, Dinge zu sehen. Unter anderem auch Schwachsinn. Man wird halt einfach öfters damit konfrontiert, weil man auf mehr Menschen trifft. Wenn ich ohne Internet „gleichzeitig“ dauerhaft zu ca. 100 Menschen direkten und indirekten Kontakt haben konnte und 10% Leute dabei waren, mit denen man nichts anfangen konnte, dann war eben immer einer von dieser Sorte dabei. Wenn ich mit dem Netz mit allem Anhang mit 5000 Leuten mehr oder weniger und noch „gleichzeitiger“ vernetzt bin (z.B. dadurch, dass jemand mir unbekanntes bei einem entfernt Bekannten kommentiert, die zählen ja auch – oder man klickt gegen besseren Wissens mal in Kommentarbereiche von Newsmedien, wo halt die hundertfache Menge schlauer wie strunzdummer Kommentare steht als früher in den redaktionell gefilterten Leserbriefseiten der Zeitungen) und die Rate derer, bei denen ich mir an den Kopf lange liegt immer noch bei 10% sind das immerhin 500 Leute. Bereinigt um die, die ich auf verschiedenen Plattformen aktiv z.B. per Blocken wieder wegbekomme (das ist gesund für die Psyche, und das heißt ja nicht, dass ich nicht weiß, dass es sie dennoch gibt) bleibt die Zahl immer noch im dreistelligen Bereich.

Das heißt: das Internet macht Leute nicht doof oder schlau. Es zeigt mir einfach nur (mehr) Menschen, weil es ein „Ort“ ist, an dem man (mehr) Menschen „sehen“ kann. Und so, wie wenn ich in die überfüllte Kneipe gehe und am Nebentisch hohle Stammtischphrasen geklopft werden, so sehe ich solche Leute eben auch im Internet, einfach, weil es sie gibt und schon immer gab. Die Aufgabe, die sich da stellt, Stichwort „Medienkompetenz“, ist, das für sich in dem Maße zu filtern, wie man das möchte oder braucht.

Und das Bewusstsein, dass dieses Internet grundsätzlich schon immer ein öffentlicher Raum war und ist und „Privacy“ nie ein Default-Feature war sondern bei Bedarf immer „zugeschaltet“ werden muss (z.B. mit einer Verschlüsselung o.ä.), so wie man sich für ein Privatgespräch eben auch in ein Nebenzimmer oder das eigene Wohnzimmer zurückzieht. Und sich auch bewusst macht, da dies für sämtliche digitalen Kommunikationsmöglichkeiten gilt, dass viele Kommunikationskanäle inzwischen digitalisiert worden sind. Bei der falschen Analogie „Brief-Email“ ist das vielen noch bewusst. Beim Telefon, das ich noch aus analogen Zeiten als privaten Kommunikationskanal „gelernt“ habe, ist das in Zeiten der Verbreitung von IP-Telefonie und der Digitalisierung von Gesprächsdaten, um diese über die digitale Netzinfrastruktur schicken zu können und den digital verwalteten Metadaten vielen noch nicht so eindeutig klar. Und auch nicht, dass es nicht „das Internet“ ist, das sie dauerüberwacht, sondern Menschen und ihr politischer Wille.

Seine Quellen korrekt einzuschätzen dagegen hat IMO nichts mit dem Internet zu tun, das musste man schon immer. Die Verschwörungstheorie im Internet ist eben nicht glaubwürdiger als die lustigen „Sachbücher“ aus den Achtzigern, und sensationsheischende oder auch propagandistische Schwarz-Weiß-Malerei gabs auch schon immer. Mit dem Internet ist es im Gegenteil eigentlich sogar einfacher, diese Einschätzung zu treffen, denn die Recherche – und damit die Information, die ich zu Dingen, auf die ich stoße, gegenchecken kann, ist nur einen Mausklick entfernt, und nicht wie früher im ganz anderen Regal der Bibliothek.

Wenn also Menschen es scheinbar nicht kapieren, welchen Müll sie verbreiten, dann tun sie das nicht, weil „das Internet“ sie verdummt hätte, sondern, weil sie nicht gelernt haben, differenziert und kritisch zu denken. Das haben die, die mir in den Achtzigern von den UFOs erzählten oder von der jüdischen Weltverschwörung oder der Überzeugung, dass die Weltwirtschaft spätestens in den Neunzigern unweigerlich zusammenbrechen wird und man sich deshalb drauf vorbereiten müsse, wie man in einer Post-Zivilisation überlebt, auch nicht gekonnt.

Und dass viele das trotz der viel besseren Möglichkeiten zum Quellencheck, Faktencheck, Verifikation und Falsifikation heute noch genauso machen zeigt: das Internet verändert da nichts: Menschen, die in Schwarz-Weiß-Welten leben, können dies auch weiterhin. Menschen, die alles glauben, nur weils in ihr Weltbild passt, machen dies auch weiterhin. Menschen, die nicht aus polaren Wahrnehmungsmustern herauskommen, bleiben auch weiterhin in diesen Mustern gefangen. Würde „das Internet“ irgendwas signifikantes mit den Menschen „machen“, dann wäre das nicht so.

Das Internet hat Möglichkeiten zugänglich gemacht und erweitert, indem es Ressourcen zur Verfügung stellt, die man vorher nicht hatte und damit ein paar ehemalige Privilegien egalisiert. Ob und wie Menschen diese Möglichkeiten nutzen liegt aber auch weiterhin in der Entscheidung der Menschen und an dem, wie weit sie Alternativen zu den gesellschaftlich und kulturell geprägten Denkmustern „Entweder-Oder“ und „es gibt nur eine Wahrheit, alles andere ist automatisch falsch“ gefunden haben, seitens Eltern, Schulen und anderen Bildungsmöglichkeiten.

Wenn die Leute sich also „dumm“ verhalten: schaut euch die Bildungspolitik an, die sozialen Ungleichheiten, die sich ebenfalls direkt auf Bildungschancen auswirken, die Elternhäuser (und wiederum deren Bildungschancen), und euch selbst. Dann wisst ihr, wo die Stellschrauben sind. Und schon immer waren.

P.S.: Dass heute das WWW 25 Jahre alt wird ist reiner Zufall 😀

 


1 Gedanke zu „Das Internet rettet die Welt. Verdummt alle. Nicht. Doch. Nein. Doch. Ach.

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