Was mit Medien

Immer wieder posten Leute Links zu russischen Staatsmedien in meine Facebook- und Twitter-Timelines, um der „verlogenen Systempresse hierzulande“ etwas „entgegenzusetzen“.

Die hiesigen Medien, ja, darf, kann und muss man kritisieren, wenn manche ihrer Vertreter tendenziös und einseitig berichten. Es passiert, und man muss das dann benennen.

Aber auch wenn es bei uns immer wieder mal, und auch durchaus zu regelmäßig, Medienvertreter gibt, denen man Einseitigkeit vorwerfen kann, ist es schon noch ein Unterschied zu Medien, die tatsächlich staatlich kontrolliert werden und in deren Ländern Journalisten, die kritisch berichten, mit Entlassung bis sogar mit ihrer Ermordung bedroht werden. Und sowas soll als Beleg! herhalten, dass „unsere Medien uns nur belügen!!!EINSELF!!“??

Ich kapiere das nicht: Offenbar kritische Leute, die hiesige Medienberichte hinterfragen und – oft ja zu Recht – Einseitigkeiten und Tendenzen in mancher hiesigen Berichterstattung anprangern, ebenso zu Recht den neutralen Standpunkt speziell der ÖR Medien anmahnen und die Pressefreiheit durch Lobbyeinflüsse und ähnliches gefährdet sehen, sind die selben, die dann ausgewiesene Propagandasender herumschicken und alles, was dort gesagt wird, für die „Wahrheit“ halten?

Zu ziemlich jedem tatsächlich einseitigen oder gar falschen Bericht z.B. in deutschen ÖR Medien finde ich – nicht selten sogar in genau denselben ÖR Medien – Widerspruch und Kritik dazu. Regelmäßig und deutlich.

Wo ist der RT-Bericht, der z.B. eine andere RT-Sendung entlarvt, in der ein komplett mit Jahre alten Bildern aus einer ganz anderen Ecke der Welt gefälschter „Bericht“ über böse „faschistische“ Ukrainer gegen „unschuldige“ Russen, inlusive O-Tönen, die ebenfalls zu einer ganz anderen Gelegenheit entstanden sind, gezeigt wurde? Also vergleichbar mit einem NDR-Bericht, der eine (zwar nicht ebenso dreist gefälschte, aber zumindest einseitige) Berichterstattung z.B. der Tagesschau (und anderen Medien) kritisiert?

Wo also liegt da wohl eher eine „Gleichschaltung der Medien“ vor?

Pressefreiheit ist nicht, wenn Presse nur das berichtet und nur aus der Perspektive, wie ich das gut finde. Pressefreiheit ist, wenn verschiedene Perspektiven möglich sind. Und wenn es möglich ist, dass die eine Perspektive die andere kritisieren darf und das auch tut.

Insoweit bin ich zwar manchmal mit manchen Medienphänomenen hierzulande nicht zufrieden, speziell, wenn es um Lobbyeinflüsse geht. Aber solange diese auch von der hiesigen Presse benannt werden und auch „Nichtjournalisten“ dies tun können und auch tun, ohne mit Prügel, Knast oder gar Tod bedroht zu werden – und das ist hier der Fall, versucht das mal in Russland! – ist mir das hier noch immer hundert Mal lieber als die Zustände der Meinungs- und Presse“freiheit“ in Ländern wie Russland.

Hm. Obs was nützt, wenn ich mal den Russland-Bericht der Reporter ohne Grenzen verlinke?

Ich fürchte ja nicht.

Und ich fürchte, ich muss doch mal diesen langen Artikel schreiben, in dem ich mich mal mit dem Phänomen des polaren schwarz-weiß/gut-böse-Denkens auseinandersetze. Mit all seinen Auswirkungen, speziell den verqueren logischen Fehlschlüssen, die sich daraus ergeben. Hier und da hatte ich Teile davon ja auch immer schon mal angefangen, anhand jeweils aktueller exemplarischer Beispiele. Mit mäßigem Erfolg, da man sich dann meist über die zufälligen Anlässe anstatt über das mir eigentlich wichtige Thema unterhielt – ich muss das also mal versuchen, ohne ein solches Beispiel hinzubekommen, aber das schieb ich ja schon seit Jahren vor mir her. Auch, weil ich weiß, dass das wirklich richtig anstrengend werden wird.

 


6 Gedanken zu „Was mit Medien

  1. Das Problem des allgemeinen Artikels, den du schreiben möchtest, könnte der Abstraktionsgrad sein, den du an den Tag legen musst. Und wenn du auch noch die logischen Fehlschlüsse aufzeigen möchtest, könntest du sogar formalisieren und nur mit logischen Zeichen arbeiten, um die Leser gar nicht in Versuchung zu bringen, über ein angesprochenes Thema tiefer zu diskutieren, sondern über die Struktur. Aber auch hier: Der Abstraktionslevel wird vermutlich zu hoch sein.

    Es würde mich aber durchaus interessieren!

    In der Sache, die du hier ansprichst, hast du Recht: Ja, die Medien sind z.T. einseitig, aber nicht, weil sie gesteuert sind, sondern weil sie an einer Kultur teilnehmen, die eine kollektive kognitive Bewertung der Vorgänge vornimmt. Diese kollektive Auffassung zu kritisieren und korrigieren, ist aufwändig, weil sozial sanktioniert und mit Gegenkritik verbunden. Aber es ist bei uns möglich und passiert, so wie du es auch ansprichst, und das ist der entscheidende Punkt.

      1. Na da hat wohl wer am CMS gespielt und die URL-Verwaltung geschrottet – habe die Links mit den Systemlinks ersetzt, jetzt müsste wieder alles erreichbar sein. Danke 🙂

  2. sehe das weitgehend auch so,……halte aber die Reporter ohne Grenzen ebensowenig für ein neutrales, nüchternes Lineal.

    Um dem schwarzweißDenken entgegenzutreten, hilft es auch eher einen Fokus auf die Berichterstatter zu haben als auf das gesamte Paket, wie zB eine Zeitung oder einen Sender.

    Was die Reaktionen im Netz angeht,….Einige Leute sind es halt Leid das Wohlfühlgeschwurbel von einem heilem Westen und einer bösen anderen Welt zu hören …. und da ist es nicht wesentlich dass es im Detail auch hier vereinzelt Kritiken zu finden gibt, sondern das hier die Medien auf diese Art nun mal wahrgenommen werden. Schlimm wird es dort wo andere für diese Einigen dann noch ein Weltbild zusammenbasteln. Und da fügt sich u.a. auch russische Propaganda mit ein.

    Das wird sich auch nicht mit unendlich sachlichen Diskussionen ändern lassen, da eben diese Recherche und das Herleiten oft vielschichtiger ist, als „Nachrichten“ nun mal üblicherweise „zu sein haben“. Ich würde diese Oberflächlichkeit den Konsumenten noch nicht mal zum Vorwurf machen. Viel wichtiger ist, das der Journalismus hier die Kritiken aufnimmt und sich dahingehend verändert. Allein der Schritt u.a. der Krautreporter zeigt, dass dies eben nicht nur ein empfinden der Honks und Trolle im Netz ist, sondern ein Allgemeines.

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