Von der Schwierigkeit, Musik ohne Industrie-Budget zu promoten

[Es gibt einen Nachtrag]

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel schreibe, denn ich habe ein bisschen Angst davor, dass man ihn als Rant oder gar Publikumsbeschimpfung missversteht, denn beides soll es nicht sein. Es geht um etwas, in das ich direkt involviert bin, und genau das lässt mich etwas zögern, da ich nicht den Eindruck erwecken will, nur, weil ich da direkt betroffen bin jammere ich da jetzt rum. Ich schicke das Ding trotzdem ab, in der Hoffnung, dass meine Intention, persönliche Eindrücke und Beobachtungen aufzuzeigen und auch ein bisschen zum Nachdenken ganz allgemein über diese und ähnliche Thematiken (das selbe könnte ich für Literatur oder Film schreiben, in die ich aber keine erste-Hand-Einblicke habe, mir aber denke, dass es nicht groß anders ist) anzuregen.

Ich bin da ein bisschen frustriert.

Wenn ich mich mit Leuten über Musik unterhalte, speziell über die Musik, die „erfolgreich“ ist, also die, die im Radio läuft und ja auch offenbar mit 5-6-stelligen Verkaufszahlen glänzt, höre ich immer und überall die selben Klagen: Der Mainstream sei langweilig, Texte nichtssagend, Kompositionen und Arrangements stromlinienförmig ohne Brüche und Überraschungen und „die Industrie“ verkaufe ausschließlich „gefälliges“, ohne jegliche Provokation oder Denkanregung.

Es sei keine „Message“ mehr in der Musik, „früher“TM gab es mehr Nachdenkenswertes und provokatives selbst im einfachsten Pop-Bereich, heute würden nur noch völlig austauschbare „Gesichter“ gecastet, die irgendwelche Industrie-Produktionen verkaufen sollen und wenn das Gesicht nach einem halben Jahr Dauerpräsenz ausgelutscht ist käme einfach ein neues, das mit der finanziellen Marktmacht der Konzerne in alle Kanäle gedrückt wird, bis man auch diese nicht mehr sehen und hören könne.

Dann erzählen mir Leute, dass dieses „Internet“ das alles ja ändern würde, „richtige“ Musiker könnten jetzt an den Gatekeepern der Industrie vorbei auch „Erfolg“ haben, bis hin zur Behauptung, dass sie sich damit sogar finanzieren könnten. Weil, über soziale Netzwerke und Blogs würde sich die Kunde schnell verbreiten, um das Buzzword „viral“ zu vermeiden, weil doch jeder froh sei, gerade in der kritischen „Community“, dass es auch Sachen gibt, die unabhängig sind und eben nicht „Industrie-Fast-Food“ und deshalb alles, was jenseits der Konzerne läuft, unterstützt und verbreitet wird.

Und dann macht meine Band ein Crowdfunding,

mit dem wir als Minimum läppische 3000 Euro zusammenbekommen wollen, um die CD-Pressung und einen Teil der Kosten für’s Recording wieder rein zu bekommen, mit der Hoffnung, dass es vielleicht auch etwas mehr wird, um auch noch ein paar Möglichkeiten mehr zu haben.

Z.B. für den Menschen, der uns geraume Zeit schon für kein Geld professionelle Videos filmt und schneidet. Oder für den Menschen, der uns tagelang aufnimmt, mixt und mastert und dafür auch noch kein Geld gesehen hat. Schlicht weil wir es uns nicht leisten können. Die beiden machen das von sich aus und gerne, worüber ich dankbar und glücklich bin, denn ich würde niemals von mir aus wagen, sie zu fragen, ob sie das machen würden. Wenn sie mir das nicht völlig von sich aus und selbst (ich fiel jeweils aus allen Wolken, als das passierte und bin noch immer völlig gerührt und dankbar) so angeboten hätten hätten wir weder Videos noch professionelle Aufnahmen.

Eben, weil ich das nur dann täte, wenn ich sie auch dafür bezahlen könnte. Wir leben nun mal in einer Welt, in der Dinge etwas kosten, und jemandem „anzubieten“, Arbeit für einen zu machen, ohne ihn dafür zu auch zu entlohnen tu ich nicht, wenn es nicht zufällig um ein Charity-Projekt geht, bei dem es um Idealismus und gemeinsame Ziele geht, die man eh nicht mit Geld bezahlen kann.

Musik ist Geschmacksache

Nein, ich erwarte jetzt natürlich nicht, dass plötzlich Hunderte Leute aus reiner Sympathie für unsere Bemühungen Geld in die Hand nehmen und in etwas stecken, das gar nicht ihrem Geschmack entspricht. Das sollen wirklich nur die tun, denen unsere Musik wirklich gefällt.

Musik ist Geschmacksache, und so, wie ich niemals Geld für Reggae, DubStep, Hip Hop, Techno oder einige Metal-Richtungen ausgeben würde, einfach, weil das nicht „meine“ Musik ist, so wenig erwarte ich von Menschen, die mit unseren deutschsprachig gesungenen meist sehr lyrischen Singer-Songwriter-Texten auf Musik von etwas folkig bis hin zu leicht größenwahnsinnigen Glam-Rock so überhaupt nicht klar kommen, da was zu kaufen, das sie sich im Rahmen ihres persönlichen Musikgeschmacks niemals anhören würden.

Revolution, Baby!

Was mich aber tatsächlich etwas ratlos zurück lässt ist, wie wenige gerade von jenen, die sonst gern das Internet als revolutionäres Kommunikationsmedium beschreiben (was es in meinen Augen auch wirklich ist) und ziemlich genau wissen, was Vernetzung, Mundpropaganda und „sharing is caring“ erreichen kann, wenn sich nur genug Leute beteiligen, aber natürlich auch wissen, wo die Grenzen dieses Mediums liegen und was und wieviel tatsächlich notwendig ist, damit etwas Einzelnes in diesem Informationsoverload herausstechen und wahrgenommen werden kann, auf meine Frage, ob sie mir da nicht mal helfen könnten, reagieren.

Nein, ich erwarte natürlich nicht, dass ausgerechnet mein Crowdfunding da plötzlich ganz von alleine, ohne mein Zutun, weiterverbreitet und empfohlen wird, das wäre zwar super, ist aber natürlich völlig illusorisch, dafür verursacht meine Band aus sich selbst heraus nicht genug Aufmerksamkeit, um aus der oben erwähnten Informationsflut heraus zu stechen. Man muss da schon sehr gut vernetzt und bei den „richtigen“ Leuten auch deutlich auf dem Schirm sein, damit das quasi von selbst passiert.

Promotion ohne Budget

Das zu erreichen wird allerdings auch schon immer schwieriger bis unmöglich. Die Verbreitungskanäle haben sich in den letzten Jahren stark verengt. Nur als Beispiel erwähne ich Facebook, wo wir 600 „Fans“ haben. „Dank“ der inzwischen sehr eingeschränkten Reichweite von facebook-Pages werden Posting nur noch an einen Bruchteil derer, die die Seite „geliket“ haben, ausgeliefert, solange man nicht dafür bezahlt, dass so ein Posting mehr Menschen in der Timeline angezeigt wird. Ich gehe deshalb mit einiger Wahrscheinlichkeit davon aus, dass nicht einmal 1/6 aller dieser Leute überhaupt auch nur eines der vielen „Wir machen ein Crowdfunding, schaut mal rein“-Postings zu Gesicht bekommen haben.

Anders kann ich mir nicht erklären, warum nach der Hälfte der Funding-Laufzeit nicht einmal 10% dieser Anzahl auch nur den Mindesteinsatz von 10 Euro investiert haben. Denn ich behaupte mal, mindestens 95% derer, die diese Page geliket haben, haben das getan, weil ihnen unsere Musik wirklich gefällt, da erscheint mir eine Quote von rund 8% einfach nicht realistisch.

Und dass eine solche Vermutung nicht aus der Luft gegriffen ist, kann ich damit belegen, dass bei unserem letzten Crowdfunding 2012 tatsächlich nicht wenige Leute hinterher bis tief ins Jahr 2013 hinein kamen und mir sagten, sie hätten das überhaupt nicht mitbekommen, obwohl wir als Band über die Facebook-Page, im Band-Blog und auf Twitter, und als „Privatpersonen“ auf unseren persönlichen Blogs, facebook- und was nicht alles-Accounts usw., die Leute zwei Monate lang wirklich so zugespamt haben mit dem Thema, dass sich manche Freunde sogar darüber beschwerten.

Aber zum Glück dann in dem Moment Verständnis zeigten, als ich ihnen erklärte, dass das halt nun mal die einzigen Kanäle sind, die uns zur Verfügung stehen, weil wir nun mal keinen Konzern hinter uns stehen haben, der ein entsprechend großes Marketingbudget hat, um Zeitungsartikel und Medienpräsenz zu kaufen und so in Promotion für ihr Produkt investieren kann.

Aufmerksamkeitsdefizite

Jetzt ist das aber auch schon so, dass ich mich jetzt nicht für völlig unvernetzt halte. Ich weiß, dass ein paar der „richtigen“ Leute mein Blog lesen, meinen Tweets folgen und auf facebook mit mir befreundet sind oder mich abonniert haben. Klar, das heißt noch nicht, dass dieses spezielle Thema auch auf deren Schirm landet. Das ist mir sehr bewusst, denn auch ich stelle immer mal wieder fest, dass ich Dinge schlicht nicht mitbekommen habe.

Und ein anderer Faktor ist auch, dass es schon noch einen großen Unterschied macht, ob ich nun von vielen Leuten wahrgenommen werde oder ob ich diese Leute wirklich persönlich „kenne“ (oder diese mich). Ich sitze hier in meinem kleinen Kaff im Odenwald, da habe ich keine große Peergroup, die ich ständig sehe und der ich im „real life“ begegne, entsprechend locker und unverbindlich sind diese Kontakte natürlich.

Dennoch hatte ich – man darf mich da naiv-optimistisch nennen – schon ein bisschen drauf gehofft, dass auf meine Aufrufe, doch mal zu erwähnen, was ich hier mit meiner Band versuche, die ich hier im Blog, auf Twitter, Google+, facebook undsoweiter machte, ein klitzeklein wenig mehr Resonanz erfolgt. Also auch und gerade bei denen mit der wirklich großen Reichweite.

Und nein, das soll die Resonanz, die tatsächlich erfolgte, nicht schmälern, ich bin sehr sehr dankbar für jede Erwähnung jedes Blogs, jede Weiterleitung und jeden Retweet, egal, wie groß oder auch klein, und auch jeden Tweet etc.pp., egal, wie viele oder auch wenige Follower sie oder er hat, und gerade dass einige „kleine“ es trotz ihrer vielleicht geringen Reichweite getan haben erfüllt mich mit Dankbarkeit und auch ein bisschen Stolz darauf, dass es einige Menschen gibt, die mich – uns – mit ihren Möglichkeiten unterstützen, egal wie gering diese Möglichkeiten auf den ersten Blick erscheinen mögen, weil sie einfach gut finden, was wir da machen: Danke, danke danke <3

Auch das noch…

Ich habe überlegt, ob ich verschiedene Leute direkt anschreibe und stolperte über ein weiteres Problem. Nämlich das, dass ich mich das nicht traue. Ja, es fällt mir schwer, Leute direkt um Hilfe zu bitten. Nicht, weil ich das „doof“ finde, erst recht nicht, weil ich dazu zu stolz wäre – nein, es ist mir irgendwie peinlich. Ich möchte nicht Leute, die ich eben halt doch „nur“ entfernt kenne, belästigen. Kann man dämlich finden, ist es wahrscheinlich auch zu einem gewissen Grad. Aber so ist das beim Selbstvermarkten – sich selbst zu loben, etwas eigennütziges zu tun, ist so unheimlich viel schwerer als das selbe für andere Leute oder Themen, in die man nicht selbst so zentral involviert ist, zu tun.

Auch wenn das vielleicht die ein oder der andere nicht glaubt: ich bin unglaublich schüchtern, war ich schon immer, auch wenn ich mir inzwischen ein paar Strategien angeeignet habe, die das zumindest ein klein wenig kaschieren. Diese Strategien funktionieren leider nur begrenzt – und eben ausgerechnet dort nicht mehr so richtig, wo ich als Person direkt betroffen bin bzw. im Zentrum stehe.

Diese Strategien basieren nämlich zum größten Teil genau auf dem Trick, die zentrale Position meiner Person aus einem Thema abzumildern, mich sozusagen „nebendran“ zu stellen. Genau das funktioniert hier aber nicht wirklich bzw. nur in sehr sehr geringem Maß – und wo es funktioniert ist das dann sogar eher schädlich, weil eine Distanz meiner Person zur eigenen Band/Musik den Rezipienten doch eher irritiert oder aber zumindest dafür sorgt, dass die Menschen, die auf meine Person schauen, nicht wahrnehmen können, wie sehr mir eben diese Band und Musik wichtig ist – wie sollten sie auch, wenn ich selber dazu Distanz aufbaue.

Ich werde es wohl auch noch eine Weile nicht schaffen, in diesem Punkt über meinen Schatten zu springen, so sehr ich mir wünschte, ich könnte das. Somit kann ich nur hoffen, dass ein paar Leute diesen aus Marketingsicht viel zu langen Artikel tatsächlich bis zum Ende lesen und sich vielleicht doch noch dazu entschließen, mir hier ein bisschen zu helfen.

Und selbst?

Und dann fällt mir aber auch noch eins auf: Mach ich das eigentlich selber? Also Dinge weiterempfehlen? Welche, die nicht eh schon jeder andere empfiehlt? Speziell auch Dinge, die ich selber gar nicht brauche oder haben will, aber von denen ich denke, ein paar meiner Freunde und Bekannten könnte das trotzdem interessieren? Weil deren Macher oder Idee mir einfach sympathisch genug sind, um sie zumindest mal kurz aus dem großen weißen Rauschen hervorzuheben?

Ja, hab ich schon ein paar Mal gemacht, mal auf twitter, mal auf facebook oder auch Google+. Aber viel zu selten und viel zu inkonsequent. Entsprechend schnell versendet und damit ohne große Wirkung. Und vor allem: lange nicht so oft, wie ich gekonnt hätte. Wenn ich möchte, dass ihr das ändert – also die, die das bislang noch nicht tun – sollte ich also erst mal mit gutem Beispiel voraus gehen. Also los:

Wie wärs mit einem Kultur-Deal?

Ich verspreche: ich werde dieses Jahr viel öfter Projekte anderer Bands, aber auch Filmemacher, Autoren, was auch immer, promoten, die mir sympathisch sind, selbst wenn mich deren konkrete Musik, deren Buch oder auch Film jetzt nicht so sonderlich interessiert, weil sie halt einfach nicht mein Geschmack sind (Natürlich auch die, die mein Geschmack sind und die ich auch finanziell unterstütze, aber das mach ich ja sowieso schon).

Heißt, ich werde euch Crowdfundings oder ähnliche Projekte vorstellen von Dingen und Leuten, die ich selbst vielleicht gar nicht finanziell unterstütze, aber von denen ich denke, dass sie andere aus meinem doch sehr weitläufigen und diversen Freundes- und Bekanntenkreis gefallen könnten – ja, vielleicht sogar mal was mit Reggae. Und wenn ich das tu, dann konsequent, also hier im Blog, auf Twitter, Facebook und Google und wo auch immer ich Zeug in die Welt rausblase.

Und ihr macht das dann auch bzw. die, die’s schon hin und wieder tun, noch öfter.

Und überlegt euch, ob ihr das nicht sogar für mein Projekt hier tun möchtet.

Wie wärs?

Deal?

Nachtrag:

Über die letzten Tage scheint das Thema „Reichweite“, um das es mir hier geht, etwas Relevanz zu finden, ich hatte interessante Feedbacks dazu auch auf diesem „facebook“, und speziell zur Problematik, dass die Reichweite, die facebook vor ein paar Jahren mal versprach, aber inzwischen bewusst wieder einschränkt, um sie sich dann im Zweifel doch bezahlen zu lassen, das A und O ist, das aber tatsächlich inzwischen teils sogar bewusst verknappt wird. Um eben gerade daran dann wieder Geld zu verdienen.

Das ist ja denn auch der Punkt, dem ich mich mit meinem „Deal“ entgegenstellen möchte: Lasst uns selbst gegenseitig Relevanz und Aufmerksamkeit schaffen und die Leute, Dinge, Iden etc., die wir gut finden, an diesen Wegelagerern vorbei schaffen. Denn wenn es nurmehr die Möglichkeit gibt, für Geld Aufmerksamkeit zu bekommen, dann wird wieder genau das passieren, was schon in den „alten“ Medien der Fall ist: nur die Finanzstarken kommen durch. Und damit wieder nur genau der selbe Fast Food, den von dem man auch schon in Rundfunk und Fernsehen zugeballert wird.

Speziell das Problem mit facebook wird derzeit thematisiert, und wenn man davon ausgeht, dass facebook ja vor Jahren die Leute zu sich gezogen hat mit dem Versprechen, Reichweite zu haben, weil bzw. wenn „alle“ da sind bzw. auch den Usern das Versprechen gab, dass sie sich als Fans auf dem Laufenden halten können und jetzt ein großes „Ällabätsch“ gezeigt bekommt, dann ist das auch nachvollziehbar.

Und so nebenbei belegen diese Zahlen, dass meine Einschätzung oben zur „Qualität“ unserer Fans nicht falsch war: wenn nur an 15% der Fans ausgeliefert wird und von 600 Fans „nur“ 10% mitmachen, dann ist diese Zahl kein Zeichen von Desinteresse sondern zeigt, wie stark die Reichweite inzwischen eingeschränkt worden ist.

Nein, facebook ist nicht alles, und dass facebook nicht „das Internet“ ist, ist auch klar. Aber facebook ist ein konkretes und wichtiges Beispiel für das, was da derzeit passiert, in diesem „Internet“. Je monokultureller dieses Internet im Mainstream wird – und damit auch monopolistischer – desto schwieriger wird es, eben diese Reichweite, die einstmals das Versprechen dieses Internets war, zu erreichen. Nicht, weil das Internet sie nicht böte, sondern, weil sie von zu Quasi-Monopolen aufgestiegenen Gatekeepern künstlich verknappt und eingeschränkt wird.

Carsten hat da z.B. hier drüber gebloggt: Facebook ist kaputt:

[…] Die meisten Nutzer gehen immer noch davon aus, dass sie nichts versäumen, wenn sie Fan einer Seite werden. Irrtum. Irgendwelche geheimen Algorithmen von Facebook entscheiden darüber, was die Nutzer zu sehen bekommen und was nicht. Facebook weiß, was Du willst. Sagt Facebook. Und welch ein Zufall: Ein Parameter dieses geheimen Algorithmus ist die Summe Geld, die man bereit ist zur Verbreitung der eigenen Beiträge zu zahlen. Und die Preise sind gesalzen.

[…] oft erreichen Seiten mit ihren Beiträgen im Normalfall gerade mal 5% ihrer Fans. Okay, es ist nachvollziehbar: Facebook will und muss Geld verdienen. Aber dann doch bitte ehrlich. Immerhin wird immer noch so getan, als wäre eine Facebook-Seite kostenlos. Okay, die Einrichtung vielleicht. Aber wer Reichweite will, der muss zahlen.

Das alles wäre vielleicht auch noch leichter zu ertragen, wenn Facebook die kostenlose Reichweite nicht immer weiter reduzieren würde. Da fühlt man sich als Seitenbetreiber schon ein wenig abgezockt. Und als Nutzer fühlt man sich immer mehr als das, was man bei Facebook wirklich ist: Klickvieh, das verkauft wird. […]

Was machen kleinere Bands? Sollen die ihre gesamte Gage (wenn sie denn überhaupt eine bekommen) ausgeben, um Werbung für ihre Konzerte zu machen – immerhin gehen immer mehr Veranstalter ganz selbstverständlich davon aus, dass sich die Band schon selbst um die Werbung kümmert. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Auch Don Dahlmann beschreibt das Phänomen, aus Sicht des normalen Users. Leider nur auf facebook selbst und nicht in seinem Blog. Aber vielleicht holt ers ja noch nach.

[…]Facebook ist im Moment kaputt, vor allem der sogenannte Livefeed. Man sieht nur 30% der Sachen, die andere schreiben, dafür sieht man manche Postings doppelt oder es werden drei Jahre alte Einträge nach vorne geschubst, weil irgendjemand noch mal kommentiert hat. Man kann über die „Freunde“ Listen umständlich den Feed simulieren, dadurch wird die Filterbubble aber größer. Anders gesagt: Ich kann nichts mehr entdecken, Facebook schreibt mir vor, was ich sehen soll, bzw. was mich interessiert, ohne das ich es korrigieren kann.

Die Reichweite von Fanseiten liegt teilweise bei 7%. Gut, man soll für mehr bezahlen, kann man verstehen, aber die Preise sind derartig hoch, dass es meist keinen Sinn macht. Anders gesagt: Facebook ist funktional tot […]

Und im Blog von Creative Construction kann man sich die traurigen Zahlen im Detail anschauen:

[…]liegt auch die Annahme nicht fern, dass es Facebook selbstverständlich nicht in erster Linie nur um die Qualität des Newsfeeds geht, sondern schlicht ums Geldverdienen: so fiel die Bekanntgabe, dass die Posts von Brand-Pages nur etwa 16% aller Fans auch tatsächlich erreichen, sicherlich nicht zufällig mit der Lancierung des Reach-Generators zusammen, mit dem Unternehmen die garantierte Reichweite von 75% ihrer Fans erkaufen können.

[…] Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar: Facebook-Fans sind nicht das Eigentum einer Brand, sondern bilden nur die Grundgesamtheit, die diese Brand potenziell direkt erreichen kann – möchte man sie jedoch erreichen, muss man Facebook für jeden Post erneut bezahlen. […]

[…]Anfang Dezember 2013 hat Facebook nun erneut eine Veränderung des Newsfeeds angekündigt – selbstverständlich wiederum, um die Qualität zu steigern. […] Das Resultat konnten nahezu alle Brand-Pages direkt spüren: die organische Verbreitung von Posts hat sich erneut halbiert, es werden kaum noch Fans ohne bezahlte Verbreitung der Posts direkt erreicht. […]

Für Unternehmen, die Geschäft und Kommunikation auf Facebook aufbauen, stellt das grundlegende Ändern der Spielregeln mitten im Spiel ein ernstzunehmendes Problem dar. […]

 

P.S.: Ich erzähle ja oben, wie schwierig es für mich ist, mich selbst zu vermarkten, also sich anzupreisen, Leute eigennützig anzuquatschen usw. – da gehts meinen Bandkollegen Karan und Duke nicht besser als mir (ich glaube, mir fällt das sogar noch am leichtesten – was keine Beruhigung ist). Wer also zufällig einen fairen und leicht wahnsinnigen Manager kennt oder auch einen entsprechenden Booker, oder sogar selbst eine_r ist – ich hätte da eine interessante Aufgabe für sie oder ihn…

 


12 Gedanken zu „Von der Schwierigkeit, Musik ohne Industrie-Budget zu promoten

  1. Ich kenne das Problem und habe auch schon öfter darüber nachgedacht. Soziologisch gesehen ist die Chart-Situation eine Komplexitätsreduktion: Die meisten Menschen können gar nicht in der Tiefe die verschiedenen Musikrichtungen reflektieren und Provokatives oder Außergewöhnliches wertschätzen, weil sie kognitiv mit anderen Dingen beschäftigt sind. Platt ausgedrückt: Sie haben keine Zeit für große Kunst.

    Gute Kunst ist in der Tat kognitiv anstrengend, weil sie doch in Frage stellt und uns über unsere Umgebung und unsere Mitmenschen reflektieren lässt. Aber dieses „in Frage stellen“ können wir gar nicht so oft gebrauchen, sonst sind wir nicht alltäglich handlungsfähig. Nur Leute, die quasi beruflich „in Frage stellen“ (Künstler, Philosophen und einige andere) können damit alltäglich umgehen.

    Soviel zu diesem Hintergrund. Zusätzlich stimme ich einem Kommentator bei G+ zu: Crowdfunding hat sich relativ gut verbreitet. Ich habe mich sowieso schon anfangs gefragt, wie das im Extremfall funktionieren soll – wenn viele Funding-Projekte laufen, aber begrenzte finanzielle Ressourcen vorhanden sind, so wählen die Menschen eben die Projekte aus, die sie für sinnvoll halten, die ihrem persönlichen Geschmack entsprechen bzw. die ihnen am meisten Nutzen (in welcher Form auch immer) versprechen. So verteilen sich die Gelder auf verschiedene Projekte, sodass nur noch ein Teil davon zusammenkommt oder vielleicht keines der Projekte mehr, im ungünstigsten Falle.

    Ich analysiere hier nur vor mich rum, ich gönne es euch natürlich! Aber leider stellt sich die Situation so dar. Ich bin ja auch praktisch indirekt betroffen davon. Ich würde gern mal ein Crowdfunding machen, aber ich weiß, dass ich nicht genug für eine ordentliche Albumproduktion zusammenbekommen würde. Ich würde gern Studiozeit für ein Mastering bezahlen (natürlich nur Studio 909 😉 ), neue eigene Monitorboxen kaufen, SängerInnen bezahlen bzw. in einem Studio aufnehmen können mit eigenem gutem Mikro, ein paar Instrumentalisten beauftragen. Aber das ist einfach alles nicht tragbar, wenn ich bedenke, wie gering meine Fanbase ist bzw. wie realistisch groß der Anteil derer ist, die dafür etwas geben würden.

    Ich verstehe aber deine Scheu, Leute direkt um Hilfe zu bitten. Ich muss das auch noch überwinden, bei einigen Leuten, die ich etwas besser kenne inzwischen, geht das aber ganz gut. 🙂

    1. Dass wir mit unseren Sachen nicht wirklich „massetauglich“ sind seh ich jetzt nicht so als Problem, die Aufgabe besteht derzeit wohl erst mal darin „aufzufallen“, und das dürfte mit etwas Provokativerem und anstrengendem erst einmal besser möglich sein als mit etwas, das es an jeder Ecke gibt, auch wenn das bedeutet, dass es weniger Leuten direkt „schmeckt“.

      Dem G+-Kommentar konnte ich da wenig zustimmen, zum einen bezweifle ich die These, dass sich CF allgemein schon so etabliert hätte, zumindest in Deutschland. Das mag für manche speziellen Genres gelten, aber nicht so pauschal bzw. zielgruppenübergreifend. Das mag für den Bereich „international“ schon hinreichend so sein (obwohl es auch da IMO noch Steigerungsmöglichkeit gibt) aber nicht für den deutschsprachigen Raum. Es kommt darüber hinaus auch sehr auf die Zielgruppe (und auch deren Alter) an.

      Gerade deswegen denke ich, ist Aufmerksamkeit da der Schlüssel. Ich habe den Artikel auch nicht geschrieben, weil ich vielleicht Angst hätte, das Funding könnte schief gehen – das wird es nicht, ich denke, wir haben da auch diesmal wieder realistisch kalkuliert, ist ja nicht das erste Crowdfunding, was wir machen. Dass wir über ein CF nicht die kompletten Kosten für dieses Album reinbekommen können ist mir dabei auch klar, das CF ist so kalkuliert, dass eben ein Betrag reingeholt werden kann, der das, was wir selbst investieren können, um einen Teil ergänzt, der uns etwas mehr Aufwand ermöglicht als wir uns selber leisten können, aber eben auch nur ein Betrag ist, der realistisch auch erreichbar ist.

      Und dass jetzt der Dezember ein bisschen lahm war liegt freilich auch daran, dass die Leute natürlich erst mal Weihnachtsgeschenke kaufen und kein Geld für etwas ausgeben, das sie erst im März bekommen werden. Der Zeitpunkt war/ist da etwas ungünstig, das ist uns sehr bewusst – der hatte sich aus diversen Gründen leider so ergeben, wäre mir lieber gewesen, das anders zu haben, ging aber halt nicht.

      Ich hab diesen Artikel – neben dem Punkt, dass er natürlich ein bisschen anregen soll, sich kulturell etwas aktiver zu zeigen, vor allem, wenn man jemand ist, dem alternative/unabhängige Kultur am Herzen liegt – hauptsächlich zur Reflektion geschrieben – sowohl für mich, als auch für andere (drum ist er auch auf meinem persönlichen Blog und nicht auf der Webseite meiner Band).

      Auch dessen Anmerkung, ich würde dazu aufrufen „wahllos“ Projekte zu promoten, mit denen man selbst nichts anfangen könne, kann ich da nicht stehen lassen: ich sprach ja nicht von „wahllos“, ich habe durchaus Kriterien genannt: persönliche Sympathie, zum Beispiel. Und Gefallen, auch wenn ichs selbst nicht kaufen würde, weil nicht mein Geschmack.

      Ich kann durchaus Qualität „objektiv“ anerkennen. Oder eben auch: wenn ich weiß, dass einige meiner Freunde, Leser, Abonnenten sich für diesen oder jenen Stil interessieren, erzähle ich ihnen, was ich gefunden habe – wahllos ist das alles bestimmt nicht, ganz im Gegenteil, es hat nur u.U. andere Gründe als den, dass da jetzt 100% mein persönlicher Geschmack getroffen wurde. Aber deshalb sind diese Gründe u.U. für mich nicht weniger gewichtig oder stimmig.

      Inwieweit Dinge übrigens für dich möglich sind, da würde ich an deiner Stelle nicht ganz so pessimistisch sein. Du hast Freunde und Bekannte, die dir Hilfe anbieten würden, wenn sie wüssten, dass du welche bräuchtest. Auch ohne, dass du sie drum bittest. Wenn du z.B. mal einen Drumtrack brauchst… und mit ein bisschen brauchbarem Studioequipment kann ich dir auch aushelfen. Wenn du magst, können wir uns da gern mal unterhalten, auch in Hinblick auf Chancen und Möglichkeiten 😉

      Diese Scheu ist tatsächlich eine interessante Sache bei mir. Ich weiß eigentlich, was ich tun müsste und auch wie – aber es ist, wenn ich mich mal „neutral“ neben mich selber stelle – faszinierend, wie stark da anerzogene Dinge sein können. Ich hatte als Kind ein großes Problem, ich konnte viele Dinge zu früh zu gut. Wenn du in die Schule kommst und schon lesen und schreiben kannst – also _richtig_, nicht nur so ein bisschen, und auch schon ein wenig rechnen, so bis zum Hunderter-Bereich, dann lernst du, hinterm Berg zu halten, weil du schnell als Angeber giltst, selbst wenn du nicht wirklich mit deinem Können hausieren gehst. Dass solche Prägungen einem selbst mit 45 noch so dermaßen in den Knochen stecken und im Weg stehen merke ich zu solchen Gelegenheiten immer sehr schmerzhaft. Da dagegen anzukämpfen und auch nur ein bisschen „Selfpromotion“ hinzubekommen gegen alle diese Ängste und erlernten Routinen, denen man sich teilwiese gar nicht bewusst ist, ist echt ein Krampf im Arsch. Ich kriege das inzwischen schon hier und da viel besser hin als noch vor ein paar Jahren, aber noch lange nicht so gut, wie ich es gern hätte 😀

  2. Zur Korrektur: Ich wollte dem Kommentator auch nur soweit zustimmen, dass sich das Crowdfunding weiter verbreitet hat. Ich würde es nicht „etabliert“ nennen und gar zu stark vertreten.

    Wie Wahllosigkeitsthese würde ich auch nicht stützen, da ist der Kommentator über deinen Wortlaut hinausgegangen. Unschön (oder unaufmerksam), aber wir beide wissen ja, wie du das meintest.

    Ich weiß auch, was ich tun müsste, und scheitere immer wieder am Tun selbst. Aber das versuche ich in letzter Zeit zu ändern, zumindest was das Tun angeht, komme ich weiter. Anfragen von Hilfe…ja, geht auch, ist aber momentan nicht mein Hauptbereich, daran arbeite ich noch nicht, brauche ich auch noch nicht zwingend. Erstmal stehen andere Aufgaben an. 🙂

  3. Ich habe lange Zeit Eure Lieder gelobt weil ich euch alle mag. Ich habe eure Lieder im Netz verteilt. Ich habe die Musik geliked und geteilt. Mir ist klargeworden, ich tat es nur aus Sympathie. Eure Musik mag ich nicht. Ihr seid so glücklich über jedes Stück. Aber schön ist anders. Evtl vergleichbar mit den Eltern und dem Kind, die halten ihr Baby für das Schönste. Keiner bringt es über das Herz zu sagen, es ist häßlich. Es gibt viele Musiker, die unkommerziell sind und Fuß fassen, weil sie gut sind. Reicht ein youtube-video. Da gibt es Videos von Euren Auftritten wo vom Publikum niemand zuhört. Muss euch doch auffallen? Es gibt Künstler da wird es so still daß man die Steknadel fallen hört. Nehmt Abstand davon Vielen zu gefallen, mit der Musik Erfolg zu haben. Macht die Musik als Hobby. Dann reichen youtube-videos, es fallen keine Unkosten an. Und? Alle sind glücklich?!!!

    1. Soll das jetzt eine besondere Art des Trollings sein? Ich behaupte mal: du kennst uns nicht, du hast auch nie irgendwas „gelobt“, ich wüsste auch nicht, von welchen Videos du sprichst. Du nennst deinen Namen nicht und benutzt eine Wegwerf-Mailadresse. Du bist nichts weiter als ein Troll, der meint, andere Leute mit irgendeinem destruktiven Blödsinn demotivieren zu können. Du bist ein armes kleines Würstchen und tust mir ein klein wenig Leid, denn jemand, der sowas nötig hat muss in einer freudlosen Welt leben. Gehab dich wohl.

      (Und freigeschaltet hab ich das Teil nur zu Demonstrationszwecken. Normalerweise lösch ich solche Trollkommentare, aber ich dachte, in dem Kontext ist das vielleicht interessant, sowas mal zu sehen)

      1. Lieber Sven,

        ich bin sehr dafür, dass Du diesen Kommentar von „Hins“ (und Kuns?) löschst. Verdummung und Verrohung schreiten voran – wir sollten sie möglichst weit von uns fernhalten, finde ich. Ich bin mir sehr sicher, dass wir gut daran tun, Vollpfosten wie diesem „Hins“ den Mund zu verbieten, da das, was da rauskommt, ausnahmslos schlecht ist und destruktiv wirkt.

        Shut the fuck up, Hins. Du solltest dringend professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, um Dein Hirn und Dein Herz zu (re-)aktivieren.

        „Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen.“ (Sartre)

        Im Herzen ein Singvogel:
        Sabine

      2. …und genau solche Leute sind der Grund dafür, wenn die Welt noch ein Stück kälter, seelenloser und blöder wird als sie es eh schon ist.
        Glaub mir, wir hatten solche Spezialisten bei Botany Bay auch; mehr als einmal. Sie waren mit der Grund dafür, dass wir lange Zeit gar nix mehr von uns haben hören lassen. Aber weisst Du was? Wenn man das so tut, dann haben sie gewonnen. Und dass die gewinnen, das will doch wirklich niemand.

      3. Ja, normalerweise lösch ich sowas, keine Ahnung, was in den Köpfen solcher Leute vor sich geht, aber ich hab ihn diesmal bewusst stehen gelassen, speziell im Kontext dieses Artikels, einfach, damit andere Leute mal sehen, womit man sich rumschlagen muss – sowas kann man (wenns nicht wegmoderiert wird) auf allen Seiten von Künstlern, Musikern, Bands, Autoren, Schauspielern usw. lesen.

        Ich bin zum Glück keine 16 mehr, insoweit trifft mich sowas nicht, ich kann das gut dahin stecken, wo’s hingehört, ist halt ein Troll, wie sie überall auftauchen, wo Menschen öffentlich Dinge tun.

        Und keine Sorge, mehr Plattform bekommt er nicht als nur diese, hier als schlechtes Beispiel dienen zu dürfen, sollte da noch was nachkommen moderiere ich das weg, weil, braucht ja kein Mensch, sowas 🙂

  4. Ich könnte das ja jetzt als Produzent der Sache persönlich (bzw. künstlerisch beleidigt) nehmen, tu ich aber nicht. Jedes Wort ist auf so vielen Leveln daneben und von Verzweiflung getränkt, dass es gut ist, als Exempel so da zu stehen.

    Nicht einmal ein müdes Gesässrunzeln erzeugend. Flachpfeife. Eins dieser Arschlöcher, die in ihrem Leben nicht viel auf die Reihe bekommen, und deshalb anderen auf den Sack gehen müssen, um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Classic Troll.

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