London

Aus den Kommentaren zweier Google+ – Diskussionen (hier und hier) (u.a. gings auch um die Aussage „Ich habe kein Verständnis für Leute, die solcherlei Gewalt ausüben“) kopier ich das mal hier hin, kann man als Blogpost direkt stehen lassen.

Zur Einführung ein Zitat aus dem Blogposting „Panic on the Streets of London“ von „Penny Red“

[…]In one NBC report, a young man in Tottenham was asked if rioting really achieved anything:

„Yes,“ said the young man. „You wouldn’t be talking to me now if we didn’t riot, would you?“

„Two months ago we marched to Scotland Yard, more than 2,000 of us, all blacks, and it was peaceful and calm and you know what? Not a word in the press. Last night a bit of rioting and looting and look around you.“

Eavesdropping from among the onlookers, I looked around. A dozen TV crews and newspaper reporters interviewing the young men everywhere „˜“

There are communities all over the country that nobody paid attention to unless there had recently been a riot or a murdered child. Well, they’re paying attention now.

Tonight in London, social order and the rule of law have broken down entirely. The city has been brought to a standstill; it is not safe to go out onto the streets, and where I am in Holloway, the violence is coming closer. As I write, the looting and arson attacks have spread to at least fifty different areas across the UK, including dozens in London, and communities are now turning on each other, with the Guardian reporting on rival gangs forming battle lines. It has become clear to the disenfranchised young people of Britain, who feel that they have no stake in society and nothing to lose, that they can do what they like tonight, and the police are utterly unable to stop them. That is what riots are all about.

Riots are about power, and they are about catharsis. They are not about poor parenting, or youth services being cut, or any of the other snap explanations that media pundits have been trotting out: structural inequalities, as a friend of mine remarked today, are not solved by a few pool tables. People riot because it makes them feel powerful, even if only for a night. People riot because they have spent their whole lives being told that they are good for nothing, and they realise that together they can do anything – literally, anything at all. People to whom respect has never been shown riot because they feel they have little reason to show respect themselves, and it spreads like fire on a warm summer night. And now people have lost their homes, and the country is tearing itself apart. […]“

Ich war Ende März in England und an dem Wochenende in London, als dort hunderttausende friedlich gegen die sozialen Kürzungen, die zur Rettung der Milliardäre beschlossen wurden, protestierten (die paar kleine Rangeleien am Rande zählen da nicht, bei der riesigen Anzahl Menschen) – am nächsten Tag wurde noch von den Zeitungen berichtet. Am übernächsten schon war es nie passiert. In Deutschland wurde es als Randnotiz in der 20Uhr-Tagesschau erwähnt. Der Rest der Welt dürfte es schlicht verpasst haben.

Das Argument“ des Mannes im Video stimmt auf eine fatale Art und Weise. Und genau das ist der Skandal.

Die Aufforderung, „friedlich“ zu protestieren erscheint in der Tat nurmehr als „…damit wir es ignorieren können“. Die hunderttausenden im März hatten keinerlei Auswirkung über den einen Tag hinaus. Das ist das Problem. Und wenn sich das nicht ändert werden wir bald mehr solche jungen Männer vor Kameras stehen sehen, die in Gewalt die einzige Möglichkeit sehen, sich wenigstens einmal in ihrem chancenlosen Leben „Gehör“ zu verschaffen. Nicht nur in London.

Aber das wird auch hier zu Lande keiner kapieren. Auch hier wird man glauben, dass das Hinsehen hinter die Kulissen, das Anerkennen, dass auch man selbst „Ursache“ ist, weil man Menschen von der Teilhabe am Gemeinwesen, an Bildung und an Chancen abgeschnitten hat, ein Zeichen von „Schwäche“ sei, die man „solchen Leuten“ gegenüber nicht zeigen dürfe. „Die sollen sich halt mal am Riemen reißen“. Und „sich einen gescheiten Job suchen“. Anstatt „auf Kosten der Allgemeinheit…“ – ach, halt, das ist ja, was wir hier bei uns unseren „Hartzies“ sagen. Falsche Baustelle…. Die sind ja nur dumm, ungebildet, Verbrecher gar, Dealer, Kleinkriminelle, Drogensüchtige, Alkoholiker, Asoziale. Alle miteinander.

Jedenfalls: Warum sie das sind, in einem westlichen Land, das selbst in einer Krise noch reicher als der größte Teil der Rest-Erde ist? Diese Frage wird nicht angegangen.

Blöd, denn die gesellschaftlichen Verlierer und Chancenlosen haben sich diese Frage inzwischen längst beantwortet. Und solange niemand hingeht und eine alternative Antwort gibt, weil man „kein Verständnis hat für die“, vor allem keine, die ihnen eine Perspektive gibt, die ihnen sagt „Doch, auch ihr seid Teil der Gesellschaft und deshalb wichtig und es wert , dass man sich auch um eure Sorgen und Not kümmert, gilt: wer schweigt oder verweigert stimmt zu und bestätigt deren Antwort: „Ihr wollt uns am Boden!“

Dummerweise reagieren ohnmächtige Leute, die nichts mehr zu verlieren zu haben glauben und auch nicht mehr dran glauben, dass sie auch nur irgendwas zu gewinnen hätten, meist auf zwei mögliche Arten: völlige Resignation und Selbstaufgabe – oder aber blinde, auch selbstzerstörerische, Wut.

„Verständnis“ zu haben entschuldigt niemanden, etwas zu verstehen heißt nicht automatisch, etwas gut zu heißen. Aber Verständnis ist die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt zu überlegen beginnen kann, was man ändern kann, damit sowas am besten schon nicht eskaliert. Oder wenigstens in Zukunft nicht mehr passiert. Wer Verständnis verweigert, verweigert die Möglichkeit, etwas zu ändern. Wer nicht versteht kann nicht rational handeln. Wer nicht versteht, obwohl er es könnte, handelt darüber hinaus unverantwortlich.

Nachtrag:<7b> Eine Reihe Links zum Thema

http://www.spreeblick.com/2011/08/11/tipps/
http://www.taz.de/Strassenschlachten-in-Grossbritannien/!76052/
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1525244/

http://www.guardian.co.uk/uk/series/london-riots-live
http://www.guardian.co.uk/uk/2011/jul/29/young-people-gangs-youth-clubs-close
http://www.guardian.co.uk/society/joepublic/2011/aug/09/tottenham-young-people-riot-future
http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2011/aug/10/riots-reflect-society-run-greed-looting

Schon älter:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1119768/

 


10 Gedanken zu „London

  1. „… oder aber blinde, auch selbstzerstörerische, Wut.“

    Das mag sein. Mich wundert es eher, wie wenige „Amokläufe“ und „spontane Gewaltausbrüche“ es angesichts der Verhältnisse gibt, dass die ganz überwiegende Mehrzahl der so gern und so genüsslich von „Mittelschichtlern“ (die sich durch heftiges Nach-unten-Treten von ihrer eigenen Abstiegsängsten ablenken) niedergemachten „Unterschichtler“ den Sozialvertrag noch einhält.

  2. In UK gibts nicht viel Mittelschicht. Da gehts von den privileged ganz schnell über die working class in die working poor zu den poor & hopeless. Dass es nicht mehr kracht liegt an einer anderen Tradition: dem Gemeinsinn des „Community“-Denkens. Im Wissen, dass es dem Nachbarn genauso dreckig geht wie mir (die, denen es besser geht, leben nicht dort wo ich lebe) hilft man sich eher. Siehe jetzt auch die „cleanup“-Bewegung. Das sind nicht die „Anständigen“, die jetzt „dagegenhalten“ und „zeigen wollen, das es auch anders…“ blablabla, sondern die, die vom Staat ebensowenig erwarten wie die Frustrierten und es deshalb gleich selber machen. Nur, dass sie sich noch nicht aufgegeben haben, dabei, weil sie sich als Community begreifen. Gäbe es diese Denke nicht, es würden dort regelmäßig Menschen verhungern, erfrieren oder sonstwie drauf gehen.

  3. Hallo Sven,

    ich bin über facebook auf deinen Blogpost aufmerksam geworden und werde ihn auch weiter“teilen“. Das was Du schreibst und zitierst ist vollkommen richtig. Leider hilft heutzutage nicht mal mehr die sachliche und permanente Diskussion. Skandale, Ungerechtigkeiten und Straftaten verlaufen sich doch immer mehr im Sande – egal wo. In Deutschland ist dieser Trend ebenfalls zu beobachten und wer will perspektivlosen Menschen (es sind mit Sicherheit nicht nur Jugendliche) verdenken, wenn sie endlich ein Kommunikationsmittel gefunden haben.

    Sehr traurig, dass es ein solches ist.

  4. Ich weiß, dass die soziale Schichtung ist in den UK noch erheblich steiler als bei uns ist. Was mich an einer Stadt wie London oder auch an Liverpool so sehr bedrückt, ist, dass es regelrechte und ziemlich ausgedehnte Slums gibt, gegen die sich z. B. die Hamburger „Problemstadteile“ geradezu idyllisch ausnehmen.

    Dass es eine Tradition des Gemeinsinnes in den britischen Unterschichten gibt, ist mir – wie ich zu meiner Schande eingestehen muss – allerdings neu. Zum Teil liegt das wohl daran, dass ich England nur aus der „Touristenperspektive“ kenne, zum Teil auch an den „blinden Flecken“ meiner Wahrnehmung – ich konsumiere zwar eifrig britische Medien, allerdings wohl ziemlich selektiv – ich schätze den britischen Wissenschafts- und den britischen Wirtschaftsjournalismus – zwei Gebiete, auf denen deutsche Medien eher schlecht aufgestellt sind.

    Allerdings bekomme ich auch die Ausläufer des britischen Boulevardjournalismus mit, durch den ich Eindruck gewann, dass auch in den UK gehässig auf „die da unten“ und auf „Schmarotzer“ (meist Einwanderer) herabgesehen wird. (Die Schlagzeilen in der „Sun“ und im „Daily Mirror“ sind jedenfalls denen in der „Bild“ zum verwechseln ähnlich.) Allerdings: auch die „Bild“ wendet sich nicht allein an die „deutsche Mittelschicht“, sondern hat ihr Publikum gerade unter den „kleinen Leuten“.

    Ich vermute, dass in Deutschland weniger Gemeinsinn im Sinne des „Community“-Denkens gibt, auch damit zusammenhängt, dass sehr viele Deutsche noch sehr viel vom „Staat“ erwarten.
    Warum es in Deutschland unter denen, die am eigenen Leib erfahren haben, dass sie auch vom Staat nicht viel zu erwarten haben (jedenfalls keine Gerechtigkeit) , noch so verhältnismäßig ruhig ist, ist aber in der Tat erklärungsbedürftig.

  5. @Martin: In einem für den „Westen“ -> überraschend brauchbaren Artikel über die Londonder Krawalle ist so ein wenig das beschrieben, was eben nicht nur, wie es aus hiesiger Sicht verstanden werden könnte, so ein bisschen „Man hält angesichts einer konkreten gemeinsamen Bedrohung mal zusammen“ ist sondern tatsächlich diese Tradition zeigt – dasselbe wäre, würde es einen großen Blackout, ein Wetterchaos, sonstwas geben. Es ist eine größere Selbstverständlichkeit da, „zusammenzuhalten“ und wahrzunehmen, dass da noch andere Menschen um mich herum sind. Diese Wahrnehmung ist die Voraussetzung, überhaupt zu bemerken, dass da wer Hilfe braucht. Und solche anzubieten:

    „[…] In Hackney verteidigte die türkische Kommune Hauptstraße und Läden von Dalston mit Eisenstangen; die asiatische Kommune schützte Green Street, Bangladeschis die berühmte Brick Lane. Weil viele U-Bahn-Stationen geschlossen wurden und Angestellte schon nach Büroschluss Randalierern hilflos ausgeliefert waren, gewährten Anwohner ihnen für die Nacht Unterschlupf.[…]“

    Als wir mitten in der Nacht, um mindestens 2 oder 3 Uhr, vom Gig auf der „FAWM over Party“ zurück zur Wohnung gingen hatte unsere Gastgeberin eine fette Migräneattacke, so dass sie sich auf den Boden setzen musste und keinen Meter mehr weitergehen konnte. Wenige Leute kamen vorbei. Aber jeder! fragte, ob man Hilfe bräuchte! In einer deutschen Stadt würden die Leute vorbeilaufen ohne links oder rechts zu schauen. Und würden sie was sagen wäre das sowas wie „Besoffene Asoziale!“.

    Es tut weh, in den letzten Jahren mitansehen zu müssen, wie ob immer größerer Not dort und immer dreisterer Gier da diese Communities langsam an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit gedrängt werden 🙁

  6. Mh, kann es sein, dass sich bei uns, in Deutschland, schon lange eine Kultur der Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit etabliert hat – von der zivilisiertere Nationen wie die Briten bisher weniger berührt wurden?
    Jedenfalls fällt selbst mir auf, dass Briten (und auch Skandinavier) zwar sehr reserviert sind, aber zugleich sehr höflich. Wobei „höflich“ weniger meint, dass irgendwelche Benimmregeln gewissenhaft eingehalten werden, sondern einfach Rücksicht meint. Wie in deinen Beispiel mit der Frau mit der schweren Migräne.

    Dass die öffentliche Schmarotzer-Debatte, die auch in Großbritannien geführt wird, Gift für den Geist der Communities ist, kann ich mir gut vorstellen.

  7. Ich kann mich an einen Vorfall in Irland erinnern, als mich mal rund vier oder fünf Leuts in nichtmal 10 Minuten fragten, ob sie mir weiterhelfen könnten – weil ich mit ner Karte in der Hand vor einer Superidylle stand (die Karte war mir quasi „festgefroren“ ob der Faszination der Szenerie mitten in einem kleinen Ort im Süden).
    Zu Hause erzählte ich dann davon und meinte dazu:“ Wenn Dir das in Wien passiert und Du kennst dich wirklich ned aus, dann finden’s ein paar Monate später Deine verhungerte Leich’und die Karte hat auch noch aner brauchen können, weil Du eh nix mehr damit anfangen kannst…

    Es hat sich in den letzten 15 Jahren echt dahingehend nix verbessert, bloß in Irland isses jetzt wie für 15 Jahren bei uns *seufz*

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