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Archiv zur Kategorie Gesellschaft

Terror fĂŒrs Wirtschaftswachstum

Juhuu, endlich haben wir unsere eigenen Terroristen, endlich Sondersendungen, Überschriften wie “Der Terror ist in Deutschland angekommen” zieren die Gazetten, das ganze auch noch rechtzeitig zum Ende der politischen “Sommerpause”, so dass man auch dort ein Thema hat, auf das man sich stĂŒrzen kann, um ja nicht in die Verlegenheit zu kommen, etwa dringende Probleme wie Kinderarmut (die ja auch “nur” ein Symptom fĂŒr viel grĂ¶ĂŸere Probleme ist), eine boomende Selbstbedienungs-Wirtschaft, die an der Bevölkerung völlig vorbeigeht, das Bildungs-Desaster und was da sonst noch so an kleinen und großen Aufgaben drĂ€ut angehen zu mĂŒssen.

Oder zugeben zu mĂŒssen, dass man weder Plan oder Interesse hat, da ran zu gehen, letzteres auch, weil man unter UmstĂ€nden schon an der Karriere nach der Karriere bastelt?

Denn irgendwie stimmt es schon komisch, wenn Ex-Politiker plötzlich in VorstĂ€nden oder AufsichtsrĂ€ten von Konzernen oder LobbyverbĂ€nden auftauchen, wie als rein zufĂ€llig herausgegriffenes aktuelles Beispiel ein Herr Schilly, seiner Zeit zufĂ€llig derjenige, der den E-Pass einfĂŒhrte und nun zufĂ€llig in den AufsichtsrĂ€ten von Byometric Systems AG und SAFE ID Solutions sitzt - Firmen, die im Bereich Iriserkennung und Hard- und Softwareproduktion fĂŒr biometrische ReisepĂ€sse tĂ€tig sind (via). Ein Schelm, der sich was Böses dabei denkt


Jedenfalls haben “wir” endlich eigene Terroristen, und endlich können die “Sicherheitsexperten” und vor allem jene, die sich dafĂŒr halten wieder mit ihren WĂŒnschen und Begehrlichkeiten hausieren gehen, krĂ€ftig unterstĂŒtzt von Medien (nicht alle, es gibt positive Ausnahmen, die genauer hinschauen, was da - auch von den Kollegen - plötzlich unreflektiert gefordert wird), die sich ĂŒberschlagen mit neuen Spekulationen (denn irgendwas fundiertes wissen die ja auch nicht wirklich) und Bedrohungsszenarien, nach denen morgen schon der Wochenmarkt in Dingdongfliesingen oder Hinterwaldklabusterungen Ziel eines Massakers sein könnte, dem Tausende, nein Millionen zum Opfer fallen werden.

Und so ruft alles nun nach noch mehr Überwachungskameras (Ja wie, haben nicht die, die es schon gibt, zu dem Fahndungserfolg gefĂŒhrt, wie die Spindoctors uns gerne Glauben machen wĂŒrden? Mal davon ab: haben sie nicht, denn der Typ wurde ja nicht von Kameras sondern auf Grund eines Tipps des libanesischen Geheimdienstes gefasst. Geht aber grade wieder unter, natĂŒrlich. Und was sollen die verhindern??? SelbstmordattentĂ€ter, die sich denken “Mist, wenn ich mich dort hinten sprenge kriegen sie mich, weil sie mich dann auf Band haben
”???), natĂŒrlich sollen alle möglichen Daten nun lĂ€nger und vor allem schön zentral archiviert werden, am besten digital, so dass noch in zwei Jahren das Material biometrisch durchforstet werden kann und FinanzĂ€mter Fahnder feststellen können, wo jeder, dessen Foto eingespeist wird, zu einem bestimmten Zeitpunkt war (man kann das ja dann mit den Einlogdaten des Handys abgleichen und mit den Erfassungen der Kameras des Mautsystems oder so) - wer nichts zu verbergen hat, dem sollte das ja nix ausmachen, gelle?

Im Radio faseln sie sogar völlig schmerzbefreit ĂŒber bewaffnete Zugbegleiter - juhuu, der erschießt dann die Kofferbombe, die irgendwo in einem Bahnhof rumsteht? Oder soll der eine jener hĂ€ufigen und gefĂ€hrlichen ZugentfĂŒhrungen verhindern (Szenario “Hey, LokfĂŒhrer, Du fĂ€hrst jetzt nicht nach MĂŒnchen sondern nach Dubai, sonst ramm’ ich dir den Mitropa-Plastiklöffel ins Kreuz!”)?

(Das einzig beruhigende an diesem Kasperletheater ist ja, dass dieser ganze Dreck sowieso nix bringt und auch nicht funktioniert, weil die, die das Zeug technisch “realisieren” noch dilettantischer sind als die, den Murks vorantreiben)

Mal schaun, da wird’s doch mal wieder Zeit fĂŒr die Forderung nach Bundeswehr im Inland, oder? Wo bleibt das denn eigentlich, haben die das aus Versehen vergessen?

Warum eigentlich nicht gleich das blöde Grundgesetz endlich abschaffen, das Kriegsrecht ausrufen, Ausgangssperre ab 18 Uhr - ach nein, ab 20 Uhr, bis dahin muss ja konsumiert werden fĂŒr das Wirtschaftwachstum der oberen 2%, sorry ich vergaß - danach aber natĂŒrlich alles nach Hause und brav Werbung gucken, fĂŒr den nĂ€chsten Tag.

Habt ihr Flachhirne eigentlich mal drĂŒber nachgedacht, dass ihr genau das macht, was die Terroristen wollen, mit eurer Hosenscheißerei? “Ui”, denken die sich da, “das macht ja richtig Eindruck was wir da tun”, denken die sich da. “Ui, lass uns doch noch einen draufsetzen”, denken die sich da. Das sind nĂ€mlich Ă€hnlich Hirnsedierte wie ihr. Die denken da Ă€hnlich wie ihr. Überlegt mal, wie geil ihr es findet, euere eigenen Fressen in den Medien zu sehen, egal welche und wurscht warum. Gell? Und die erstmal!

Hirnsedierten ein Übermaß an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen aber lĂ€sst die sich erst richtig wichtig fĂŒhlen, und auch völlig der RealitĂ€t entgleiten. Kann man ja schön an euch selber sehen.

Einen Scheiß geb’ ich auf die “Terroristen”. Wir haben echte Probleme hier im Land. Kriegt endlich eure korrupten Ärsche hoch! Bevor euch von ganz anderer Seite in ebenjene getreten wird, dann, liebe Leute, ist die Kacke aber wirklich mal am dampfen!

Ach ich rech mich uff - ich darf echt keine Nachrichten mehr gucken oder hören. Krieg ich bloß so’nen Hals von.

Nachtrag: Die (sowohl die wie jene) sollten lieber mal ‘nen guten Film schauen, vielleicht kapiern die ja dann mal worum’s geht im Leben:


7 Kommentare

  1. bembelkandidat meint dazu:,

    22. August, 2006
    @ 16:19

    wichtige themen, die du da ansprichst! angst verstĂ€rken, schĂŒren, um dahinter all’ die sauereien zu verstecken, worĂŒber sich die leute sonst vielleicht aufregen wĂŒrden. gleichzeitig die ĂŒberwachung ausbauen, um, ja um wen eigentlich besser kontrollieren zu können
???!!!
    hm, finde mal wieder die trackback-uri nicht, sorry, daher manuell:
    “
 schon mal ĂŒberlegt, wer wirklich ĂŒberwacht werden soll? wer letztlich beobachtet wird? richtet sich das geschrei nach mehr ĂŒberwachung wirklich (nur) gegen die tatsĂ€chlichen und vermeintlichen terroristen???
 “
    http://www.iminform.de/blog/bembelkandidat/2006/cctv-wollt-ihr-die-totale-ueberwachung/

  2. bembelkandidat meint dazu:,

    22. August, 2006
    @ 16:20

    grmpf, nach dem kommentieren erscheint die uri brav unter dem kommentar


  3. joe_f meint dazu:,

    22. August, 2006
    @ 16:37

    Mit diesem ganzen Terrorgedöns verbindet mich ja eine, Ă€h, besondere Erfahrung, letztes Jahr im Wahlkampf. Da tingelte dieser Binninger, der letztens die “sinnvolle” Idee hatte, so genannte “Rail Marshalls” einzusetzen, durch seinen Wahlkreis im Landkreis Böblingen. An einem Tag hatte er den Schönbohm im Schlepptau, und ich schrieb fĂŒr mein Provinzblatt darĂŒber. Schönbohm erklĂ€rte, er wisse nicht, wo die Grenze ist, Binningers Meinung war ebenfalls, nun ja, vorgefasst. Diese Leute lassen kein bisschen mit sich reden und sind so scharf darauf, die Demokratie besser heute als morgen anzuschaffen. Meines Erachtens hat das schon krank- und zwanghafte ZĂŒge. ErklĂ€ren kann ich mir das nicht. Was ist denn bitte so geil daran, BĂŒrgerrechte abzuschaffen? Mir kommt immer wieder der Gedanke: Der Konservatismus muss dringend auf die Couch. Am besten lebenslang.

  4. Sven meint dazu:,

    22. August, 2006
    @ 17:07

    Ja, bembel, und bei mir in der Moderation - mein SpamKarma ist recht empfindlich justiert, weil ich lieber einen guten Kommentar eine Stunde spĂ€ter per Hand freischalte (und ihn damit auch noch gleich mitbekomme ;-) ) als dreißig Spams per Hand aus onlinestehenden Kommentaren rauszupopeln :-)

    (Aber ich werd’ mal ins Template gehen und einen Satz schreiben, der um Geduld bittet, falls ein Kommentar nicht gleich da ist, damit man wenigstens weiß, dass es nicht an einem selber liegt, wenn man was abschickt und das nicht aufzutauchen scheint
)

    (so, erledigt :-) )

  5. Sven meint dazu:,

    22. August, 2006
    @ 17:37

    joe, das erklĂ€r’ ich mir ganz leicht, das ist ganz einfach die Angst alter MĂ€nner vor Kontrollverlust. Am Stammtisch heißt das “Wo kĂ€men wir denn dahin, wenn jeder machen könnte was er will” oder die “Hottentotten” werden beschworen.

    Das sind psychologisch gesehen ganz ganz arme Schweine, deren eigenes Leben völlig Angst- und damit Fremdbestimmt verlĂ€uft, Angst vor VerĂ€nderung, Angst letztlich vor dem Tod, die bis in alltĂ€glichste Kleinigkeiten hineinreicht. Die Reaktion auf diese Angst zeigt sich in psychotischem Verhalten (”Mehr desselben” - hier: Mehr Kameras, mehr Kontrolle, usw.), das natĂŒrlich nichts nĂŒtzt sondern (und deshalb) damit den Wunsch nach “noch mehr” wachsen lĂ€sst (sonst wĂ€r’s ja nicht psychotisch) - zu beobachten ist dieses Muster z.B. auch bei Ko-AbhĂ€ngigkeiten Marke “Wenn ich mich nur genug anstrenge, dann Ă€ndert sich
” 
natĂŒrlich garnichts, sondern sorgt eben gerade dafĂŒr, dass alles so bleibt oder schlimmer wird, worauf man sich noch mehr anstrengt, es noch schlimmer wird, usw


    So wie Terroristen sich freilich, wie kleine Kinder, ebenfalls bestĂ€tigt fĂŒhlen, wenn die Reaktion der Elterninstanzen eine sofortige Aufmerksamkeit ist (denn es ist wurscht, ob die Aufmerksamkeit “positiv” oder “negativ” ist - wer mit Kindern zu tun hat, weiß das). Denn auch das Verhaltensmuster von Terroristen weist psychotische (wie auch neurotische) Muster auf bzw. braucht solche HintergrĂŒnde.

    Mit Menschen, die in solchen psychotischen Mechanismen gefangen sind, kann man nicht “reden”, solange sie nicht selbst (und vor sich selbst) erkennen/akzeptieren, dass sie da ein Problem haben, dass ihnen letztlich keiner außer ihnen selbst lösen kann - erzĂ€hl’ nem Alki, der sich mitten im Suchtverhalten befindet, dass er Alkoholiker ist
.

    Nur ist ein Grund halt noch lange keine Entschuldigung. Und ob ich beruhigter bin, zu wissen, dass da auf allen Seiten Psychotiker und Neurotiker sitzen weiß ich auch nicht so recht
 dein Gedanke mit der Couch ist da schon ganz treffend. *schluck*

Kommentare (1)

Von BĂŒchern und Werten

So langsam mache ich mir doch ein wenig Sorgen um das VerstÀndnis, das hier zu Lande zu Kunst und Kultur herrscht.

BĂŒcher werden verboten (Volkmar machte da schon vor ein paar Tagen drauf aufmerksam, oder auch hier der selbe Fall beim bembelkandiaten, von micha kam dann heute noch per Mail der Fall “Bankhaus Oppenheimâ€?), Karan merkte zu Recht an, dass da auch im Bereich der Musik ein paar Sachen im Argen liegen, wenn der Wert der Kunst auf Gesetze merkantiler Wertkategorien reduziert werden, und das (wie dort in den Kommentaren erörtert) nicht nur auf dem Gebiet der Kunst passiert (wie die EinschrĂ€nkungen von Ausdruck, wie man oben sieht, ja auch nicht nur bei “kĂŒnstlerischenâ€? BĂŒchern passiert).

Sorry, wenn da jetzt der Eindruck entsteht, als wĂŒrfe ich da zig verschiedene Sachen in einen Topf, aber ich sehe das alles unter dem Gesichtspunkt eines sehr weit gefassten Kulturbegriffes, der ĂŒber kurzfristige Modeerscheinungen und Trends oder auch “Produkteâ€? hinausgeht und sich bis zur Frage, wie sich die Gesellschaft, in die ich hineingeboren wurde, selbst definiert und wie sie mit dieser Definition umgeht, erstreckt. Und mit dem immensen Widerspruch ihrer Selbstdefinition zu dem, was in ihr und mit ihr gerade tatsĂ€chlich passiert.

Antworten habe ich da selber noch keine. Jedenfalls keine, die ich mal eben so in einen schnellen Blogeintrag formuliert bekÀme
.

Nachtrag: achja, die Bildung gehört auch noch in diesen Topf, natĂŒrlich.

Kommentar

Wenn politische Entscheidungen nicht mehr auf Fakten basieren

kommen Populisten wie die Schönbohms, SchĂ€ubles, Schillys, Kochs und wie sie alle heißen (Stoibers und Becksteins nicht zu vergessen) ihrem offensichtlichen Ziel, aus einem sozialen Rechtsstaat einen - gar schon willkĂŒrlich anmutenden - bĂŒrokratischen Obrigkeitsstaat, die dessen Einwohner in völliger Ohnmacht als Spielball der “MĂ€chtigenâ€? zurĂŒcklĂ€sst, zu machen gefĂ€hrlich nahe.

Denn gerade das stĂ€ndige “Sicherheitsâ€?-Gequatsche, das dem Otto Normal da draußen suggeriert, die Zeiten wĂŒrden immer gefĂ€hrlicher und unsicherer, Verbrechen all ĂŒberall, gegen das nur ein “hartes Vorgehenâ€? hĂŒlfe, basiert, wie das Wissenschaftsmagazin “nanoâ€? berichtete, auf einer vor allem durch die Boulevardisierung in den Medien zurĂŒckfĂŒhrbaren Verzerrung der RealitĂ€t und damit der Wahrnehmung eben jener seitens des BĂŒrgers.

[
]Obwohl man in den Nachrichten permanent ĂŒber Kriminaldelikte hört und liest, sinkt die Zahl der Straftaten in Deutschland tatsĂ€chlich von Jahr zu Jahr. Das hat Christian Pfeiffer, ehemaliger Justizminister von Niedersachsen und heutiger Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts des Bundeslandes anhand von Statistiken festgestellt: “Die gefĂŒhlte KriminalitĂ€tstemperatur entspricht absolut nicht der RealitĂ€t.â€? Im Vergleich zu vor zehn Jahren ging die Zahl der Morde um 40,8 Prozent zurĂŒck.

BankĂŒberfĂ€lle nahmen um 44,4 Prozent ab und die Zahl der WohnungseinbrĂŒche sank um 45,7 Prozent. [
]

nano: Immer weniger Verbrechen, doch die Angst wird grĂ¶ĂŸer

Nun ist das ja vom Effekt her nicht wirklich neu (und langsam weiß ich wieder, warum ich mein Blog mal so nannte wie es jetzt heißt), aber die These dass schwerpunktmĂ€ĂŸig “das Fernsehen Schuldâ€? sei ging mir da heute nicht mehr aus dem Kopf, denn mein Grundreflex ist eigentlich der, zu sagen (Ă€quivalent zu den dĂŒmmlichen Diskussionen um “Killerspieleâ€? und all den Quatsch) dass ich das eigentlich nicht so recht glauben kann. Und in der vereinfachten These einer “direktenâ€? KausalitĂ€t auch nicht tue, denn letztlich gewinnt man Kompetenz, hier Medienkompetenz, nicht durch Vermeidung (oder gar Verboten, wie die populistischen Politiker allenthalben aktionistisch aus solchen Studien schließen, um sich letztendlich aber nur um ihre eigenen Verantwortungen zu drĂŒcken) sondern durch reflektierte BeschĂ€ftigung mit entsprechenden Dingen.

Erschreckend und neu war fĂŒr mich allerdings die Information ĂŒber manche Konsequenz dieser Tendenzen, z.B. dass trotz RĂŒckgang der KriminalitĂ€t die GefĂ€ngnisse voller sind als je, weil das Strafrecht völlig gegen den Trend immer mehr verschĂ€rft wurde, immer mit dem Argument, “abschreckenâ€? zu mĂŒssen, zu Gunsten einer Sicherheit, die in Wahrheit schon lĂ€ngst grĂ¶ĂŸer war und ist als wie sie uns da verkauft wird. Warum? Vielleicht hat nano mit dieser These ja recht:

[
]Wie Justiz-Professor Bernhard Haffke von der Uni Passau herausgefunden hat, hat es seit 1998 im deutschen Strafrecht nur noch GesetzesverschĂ€rfungen gegeben. Bei fast allen grĂ¶ĂŸeren StraftatbestĂ€nden hob der Gesetzgeber die Strafandrohungen ganz wesentlich an. Dabei war die Zahl der Straftaten schon vorher kontinuierlich massiv zurĂŒckgegangen. Ein Grund fĂŒr diese VerschĂ€rfung könnte in der Legitimation des Staates liegen.

In Zeiten, in denen der Staat den BĂŒrgern offensichtlich keine ausreichende Sozial-, Renten- und Gesundheitsversorgung mehr anbieten kann und auch bei der Schaffung von ArbeitsplĂ€tzen versagt, muss er sich eben anders legitimieren. Um die hohen Ausgaben fĂŒr die eigene Unterhaltung zu rechtfertigen, propagiert die Politik den Sicherheitsstaat und die EinschrĂ€nkung von Freiheitsrechten, obwohl sie eigentlich die Demokratie schĂŒtzen soll. [
]

nano: Weniger Verbrechen - mehr Menschen sitzen im GefÀngnis

Dann fiel mir aber ein, dass es einen eklatanten Unterschied gibt zwischen dem, was man heute (nicht nur, aber dort noch immer sehr viel stĂ€rker) von den Privaten auf den Bildschirm geschmiert bekommt und dem, was ich von “Fernsehkonsumfreudigeneren Zeitenâ€? her kenne, bevor ich in den letzten Jahren selbst mein Medienverhalten Ă€nderte (nĂ€mlich, immer weniger und dafĂŒr immer gezielter und punktueller fern zu sehen - eben wegen jener VerĂ€nderungen). Heißt, anstatt (wie auch Pfeiffer allzuoft) stĂ€ndig nur QuantitĂ€ten gegeneinander zu stellen und lustige Kausalketten drauf aufzubauen, wĂ€re es wohl mal interessant, sich die qualitativen VerĂ€nderung des Wahrzunehmenden anzuschauen und mit dem abzugleichen, was die Leute aus ihren Wahrnehmungen auf die sie umgebende “RealitĂ€tâ€? zurĂŒckschließen.

In den letzten paar Jahren kamen gerade in den Privaten inflationĂ€r Formate auf, die bewusst die bisher halbwegs klaren Grenzen zwischen fiktionalen Inhalten (wie Krimis, Actionfilme o.Ă€.) und RealitĂ€t “vermittelndenâ€? (wie Reportagen und Dokumentationen) aufweichen - da werden jeden Tag auf mehreren Sendern von “echtenâ€? Richtern und “echtenâ€? StaatsanwĂ€lten o.Ă€. “FĂ€lleâ€? behandelt, einerseits so banal und damit “alltĂ€glichâ€? wie möglich, andererseits so schlecht “gestelltâ€?, dass es einen an die nachgespielten FĂ€lle von “XY-Ungelöstâ€? erinnert - und die waren ja auch “echtâ€?, das machte ja damals schon den Grusel aus.

Wenn das Argument korrekt ist, dass “Killerspieleâ€? und “Gewaltfilmeâ€? einen “normalâ€? sozialisierten Menschen nicht zum schießwĂŒtigen Gewaltmonster mutieren lassen, eben, weil (und diese Erfahrung kann ich voll und ganz bestĂ€tigen) schon Kinder sehr gut zwischen ihren fiktionalen Spielwelten, und eben auch denen im “gespieltenâ€? Film oder Computerspiel, und der “Welt in echtâ€? unterscheiden können, dann ist es wohl genau diese Tendenz, seitens der Massenmedien diesen Unterschied immer mehr verschwimmen zu lassen, die tatsĂ€chlich die fiktionale “kriminelleâ€? Welt in die völlig ungefĂ€hrliche RealitĂ€t als Wahrnehmung ohne reales GegenstĂŒck herĂŒberschwappen lĂ€sst.

Das Ergebnis sind völlig ĂŒberĂ€ngstliche Eltern und Großeltern, die ihre Kinder am liebsten nur noch mit Bodyguard “nach draußenâ€? lassen wĂŒrden und nicht mehr schlafen können, wenn der Sprössling beginnt, abends auf Parties zu gehen oder gar mal ĂŒber Nacht wegbleiben zu wollen, Menschen, die sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus trauen und Kinder, die durch das Beispiel ihrer Eltern und Großeltern tatsĂ€chlich schon richtige Phobien entwickeln und die Umwelt als potentiell bedrohlich beigebracht bekommen, und damit langsam eine wachsende AtmosphĂ€re gegenseitigen Misstrauens, das ich persönlich jetzt schon als unertrĂ€glich empfinde.

Und dann kommen die Herren Politiker auch noch und nutzen auf unverantwortlichste Art und Weise diese völlig unbegrĂŒndeten Ängste fĂŒr ihre Zwecke. Klar, wer Angst hat muckt nicht auf. Es gibt Dinge inzwischen, da muss man sich schon sehr anstrengen, fiktionale Vorstellungen streng von realistischen Handlungen getrennt zu halten.

Ob es da wirklich hilfreich ist, diese TrennungsschĂ€rfe auch noch bewusst und mit “Gewaltâ€? aufzuweichen? Nicht, dass eben jene Herren eines Tages aufwachen und um sie herum haben sich gerade die Fiktionen, die so “in echtâ€? freilich keiner wirklich wollen kann, Bahn in die RealitĂ€t gebrochen, die sie tatsĂ€chlich verhindern wollten
 man wird ja nochmal trĂ€umen dĂŒrfen
 noch, jedenfalls.

Mal sehn wie lange noch
.

Kommentar

Freie MeinungsĂ€ußerung in Zeiten kĂŒnstlerischer Unfreiheiten

Nicht zuletzt weil ein “Schorschiâ€? unten in den Kommentaren zur Stoiber-Rede bei der bairischen Einheitspartei CSU keinerlei Fischerei an den rechten RĂ€ndern der Gesellschaft ausmachen konnte, hier ein aktueller Artikel der SĂŒddeutschen ĂŒber Beckstein, der gezielten Instrumentalisierung eines jugendlichen StraftĂ€ters und die Veruteilung des Liedermachers Hans Söllner, weil die Liedzeilen

FrĂŒher hams Hitler ghoaßn oder Himmler
wisst’s es no, heit hoaßns Beckstein und Haider
rĂŒher warn’s de Juden, heit de TĂŒrken
des kimmt ja echt aufs selbe raus
Ihr schĂŒrt’s den Hass von Millionen
und suachts fĂŒr eure Fehler Leut
de ma verhoazn ko wia damals
und koana merkt’s, was ihr da treibts.

Herrn Beckstein beleidigt hÀtten.

Die Verteidigung Söllners begrĂŒndete die ErwĂ€hnung des Namens Becksteins im Zusammenhang des Liedthemas darin, dass Söllner seiner Auffassung, Beckstein habe den Fall “Mehmetâ€? zur Wahltaktik genutzt und bewusst zur Stimmungsmache “aufgeheiztâ€?, kĂŒnstlerisch Ausdruck geben wollte, wie der SĂŒddeutschen in ihrem Onlineartikel zu dem Thema zu entnehmen ist:

Die langwierige Verhandlung sorgten fĂŒr Spekulationen in einem anderen Bereich: Im Zusammenhang mit dem Prozess waren VorwĂŒrfe gegen Beckstein laut geworden, er habe im Fall der 1998 veranlassten Ausweisung des tĂŒrkischstĂ€mmigen jugendlichen StraftĂ€ters “Mehmetâ€? aus rein wahltaktischen GrĂŒnden gehandelt. (Im September 1998 wurde nicht nur der Landtag, sondern auch der Bundestag neu gewĂ€hlt.)

[
]

Der MĂŒnchner Anwalt Alexander Eberth hatte vor Gericht bezeugt, der CSU-Politiker habe vor der Landtagswahl 1998 die Straftaten des damals 14 Jahre alten TĂŒrken Muhlis A., der unter dem Pseudonym Mehmet bekannt wurde, ins Licht der Öffentlichkeit gerĂŒckt, um Empörung zu schĂŒren. Eberth hatte den Jugendlichen vertreten.

Söllners Verteidiger JĂŒrgen Arnold berief sich im Prozess auf Eberths Aussage. Arnold sagte, er könne sich vorstellen, dass Becksteins AuslĂ€nderpolitik tatsĂ€chlich den Hass auf eine Minderheit, nĂ€mlich die in Bayern lebenden TĂŒrken, schĂŒren könnte. [
]

Die Printausgabe der SĂŒddeutschen geht noch ausfĂŒhrlicher auf dieses Urteil und seine HintergrĂŒnde ein. Dort amĂŒsierte ich mich vor allem ĂŒber die leicht sĂŒffisante Formulierung, dass Beckstein “von einem Pflichtbewussten Staatsanwalt in Kenntnisâ€? ĂŒber das Lied gesetzt worden sei


Karan, bei der ich das Thema und den Link zum Scan des Print-Artikels fand, kann ich mich da nur anschließen, wenn sie schreibt:

[
] Die Freiheit der Kunst soll also “in den Hintergrundâ€? treten
 das, was daraufhin “im Vordergrundâ€? steht, lĂ€ĂŸt mich schaudern. Und bestĂ€tigt, wovor Söllner warnt.

ebenso wie ich Dukes Aufruf in ihren Kommentaren nichts hinzuzufĂŒgen habe:

Also laßt den Söllner nicht allein, sondern zeigt RĂŒckgrat und steht auf. Der Mensch ist nicht zum BĂŒckling geboren. Daran werden sich auch die gewöhnen mĂŒssen, die notlos zu staatlichen Machtmitteln greifen, weil sie keine Argumente haben.

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Kommentar

Stoiber auch “irrâ€??

Wenn ein Nicht-Medienprofi, noch dazu kurz nach lebensbedrohenden Erfahrungen, vor laufender Kamera Schwierigkeiten in stringenter und eloquenter Formulierung des gesprochenen Wortes zeitigt, ist eine solche Person (bestenfalls!) “irrâ€?.

Was ist dann jemand, der unverstĂ€ndliches Zeug in ein Mikrofon brabbelt (inklusive Original als mp3), dem man aber eine jahrelange Erfahrung im Umgang mit Medien und öffentlicher Rede zugestehen muss und der ĂŒber vergleichsweise unemotionale Thematiken spricht?

In der Transkription von Mathias Schindler liest sich das ĂŒbrigens so, und dabei sind schon einige â€œĂ€hâ€?s weggelassen worden, die den “Satzâ€? zu einem noch unverstĂ€ndlicheren Wust fragmentiert hĂ€tten:

“Wenn Sie vom Hauptbahnhof in MĂŒnchen mit zehn Minuten ohne daß Sie am Flughafen noch einchecken mĂŒssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen am am Hauptbahnhof in MĂŒnchen, starten Sie ihren Flug - zehn Minuten schauen Sie sich mal die großen FlughĂ€fen an, wenn Sie in Heathrow in London oder sonstwo meine s Charles de Gaulle in Ă€h Frankreich oder in Rom wenn Sie sich mal die Entfernungen ansehen, wenn Sie Frankfurt sich ansehen, dann werden Sie feststellen, daß zehn Minuten Sie jederzeit locker in Frankfurt brauchen um ihr Gate zu finden - Wenn Sie vom Flug- Ă€h vom Hauptbahnhof starten Sie steigen in den Hauptbahnhof ein, Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen in an den Flughafen Franz-Josef Strauß dann starten Sie praktisch hier am Hauptbahnhof in MĂŒnchen - das bedeutet natĂŒrlich daß der Hauptbahnhof im Grunde genommen nĂ€her an Bayern an die bayerischen StĂ€dte heranwĂ€chst weil das ja klar ist, weil aus dem Hauptbahnhof viele Linien aus Bayern zusammenlaufen.â€?

Nachtrag: Mario hat inzwischen das RÀtsel um die Herkunft dieses Zeitdokuments gelöst.

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Kommentare (1)

Frau Osthoff und die Medien

Da Frau Osthoff immer noch nicht tut, was Medien und Soap-Konsumvolk so erwartet haben (und Politiker, die sich gern in einer solchen Umgebung geschmĂŒckt hĂ€tten, wohl, anders kann ich mir deren “EnttĂ€uschungâ€? und “UnverstĂ€ndnisâ€? nicht erklĂ€ren, denn unverstĂ€ndlich ist daran bei objektiver Betrachtung garnichts) wird das Medienvolk von der Journallie nun auf die schon wĂ€hrend der EntfĂŒhrung begonnene Linie eingeschworen, nur kein Bedauern zu zeigen, sollte dieser “leichtsinnigenâ€? Frau doch noch was passieren (meine Meinung dazu schrob ich dort in den Kommentaren ja schon).

All diesen Schreiberlingen, die in meinen Augen keinen Schimmer von journalistischem Handwerk zu haben scheinen, sei dieses ARD-Interview mit Dr. Michael MĂŒller-Karpe vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, der dort Projekte mit dem Irak koordiniert, ans Herz gelegt, um vielleicht ein bisschen was ĂŒber die HintergrĂŒnde zu verstehen.

tagesschau.de: [
] Womit hat sich Frau Osthoff im Irak beschÀftigt?

Michael MĂŒller-Karpe: Susanne Osthoff hat sich bereits Anfang der neunziger Jahre dafĂŒr eingesetzt, dass die Raubgrabungen, die damals begannen, einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden. [
]

tagesschau.de: Welchen Stellenwert hat ihre Arbeit fĂŒr die ArchĂ€ologie?

MĂŒller-Karpe: Den kann man gar nicht hoch genug einschĂ€tzen. [
] Susanne Osthoff wollte darauf aufmerksam machen. Allerdings wollte man das nicht hören. [
] Da wurden Aufnahmen gemacht, die jetzt stĂ€ndig gezeigt werden: vorne Susanne Osthoff, die ein Interview gibt, hinten Leute, die in einer archĂ€ologischen StĂ€tte graben. Der Kommentator sagt dann, dies sei Susanne Osthoff bei archĂ€ologischen Ausgrabungen. Das ist Unsinn! Es handelt sich dabei um Raubgrabungen! [
] Und noch nicht einmal jetzt wird es richtig dargestellt.

tagesschau.de: Warum sind die WiderstĂ€nde denn so groß?

MĂŒller-Karpe: Es ist eine fĂŒr Deutschland höchst brisante und peinliche Angelegenheit. Deutschland ist einer der wenigen Staaten, die die Unesco-Konvention von 1970 zum KulturgĂŒterschutz nicht unterzeichnet haben. Diese Konvention besagt, dass man die Gesetze, die andere LĂ€nder zum Schutz ihres kulturellen Erbes erlassen haben, respektiert. Den eigenen BĂŒrgern wĂŒrde dann der Handel mit RaubgĂŒtern aus solchen LĂ€ndern untersagt.

[
]

Da steckt eine finanzkrÀftige Lobby dahinter, die mit Hehlerware aus Raubgrabungen Geld verdient und die ganz offen mit dem Verlust deutscher ArbeitskrÀfte droht, wenn die Gesetze strenger werden.

[
]

tagesschau.de: Heißt das auch: Wenn Susanne Osthoff diese Arbeit nicht machen wĂŒrde, dann wĂŒrde sie im Zweifelsfall niemand machen?

MĂŒller-Karpe: Das ist richtig.

Das ganze Interview unbedingt bei tagesschau.de: “Man kann ihre Arbeit nicht hoch genug einschĂ€tzenâ€? lesen!

Unter anderem tĂ€ten einem Journalisten auch ein paar Gedanken ĂŒber die HintergrĂŒnde, warum es einer Bundesregierung so wichtig ist, dass Frau Osthoffs Projekte, die von der öffentlichen Hand mitfinanziert wurden, ab sofort so schön diskreditiert werden. Tipp: Regierungsentscheidungen heutzutage erscheinen nicht zu Unrecht nicht etwa als unter dem Primat des Gemeinwohls sondern unter dem betriebswirtschaftlicher Überlegeungen gefĂ€llt.

Wie gut, da einen Grund gefunden zu haben, hier ein paar zigtausend Euro auf einen Schlag einsparen zu können. Wenn die EmpfĂ€ngerin von Fördermitteln erfolgreich als “fanatischâ€? u.Ă€. diskreditiert ist, geht das problemlos. So Ă€hnlich, wie das ja auch bei Einsparungen von Sozialleistungen wegen “Sozialschmarotzernâ€? funktioniert und wie das in einer entsolidarisierten Gesellschaft, in der sich keiner mehr fĂŒr eine Allgemeinheit mitverantwotlich fĂŒhlen muss, eben so ĂŒblich ist. Und dass das auf fruchtbaren Boden fĂ€llt zeigt ein Blick in manche Kommentare bei Herrn Bittner (der dagegen selbst zeigt, dass es noch Journalisten gibt, die nicht jeden gewĂŒnschten “Volkstrendâ€? mitmachen).

Diese ganze verfickte hirnlose kurzsichtige Scheiß-Egomanen-Gesellschaft kotzt mich allerdings langsam nur noch an.

Nachtrag: Das Ganze erscheint schon bei leichtem Wegkratzen einer dĂŒnnen Schicht als eine (noch dazu sehr platte) politische Kampagne, die ein nur noch peinlich zu nennender “Profijournalismusâ€? auch noch mitspielt - vor lauter “schnell noch einen Artikelâ€? wird sich da nichtmal 5 Minuten Zeit genommen, auch nur ansatzweise an dieser dĂŒnn ĂŒbertĂŒnchten OberflĂ€che zu kratzen und ein bis zwei Gedanken daran zu verschwenden, welche Interessen die Politik bei dieser Schmierenkomödie verfolgen könnte. Die Zeiten, Spins gut verpacken zu mĂŒssen, sind wohl vorbei, es reichen schon die blödesten Funzeln um einen heutigen “Journalistenâ€? zu blenden. Dinge in ZusammenhĂ€nge zu bringen, die eine Zeitfrist von zwei Wochen ĂŒberschreiten kann da eh kaum einer mehr, wie’s aussieht (links via Jens).

Nachtrag2: Ein schöner Kommentar im Tagesspiegel: Susanne von Arabien, der eine schöne und treffende Polemik enthĂ€lt - verlinke ich hier mal, auch um die Journalisten, die sich entgegen des (fĂŒr mich so erscheinenden) Trends differenzierende Sichtweisen zeigen nicht ĂŒber den pauschalen Kamm der oben Charakterisierten Möchtegern-Journalisten zu scheren, auch wenn auch hier noch nicht ganz verstanden wurde, was die Frau da wirklich tat/tut im Irak (und wem das ein Dorn im Auge zu sein scheint):

[
] Prominente, die sonnige StrÀnde oder Steuerparadiese bevorzugen, werden deshalb auch nicht expatriiert. Sie will ihre Arbeit fortsetzen, trotz der Gefahr. Tun das Hilfsorganisationen, Reporter, Unternehmer nicht auch, im Irak und anderen Krisen- und Kriegsgebieten? Weil sie tun, was unsereins sich nicht zutraut, zollt man ihnen Respekt. [
]

(via EoK)

Nachtrag3: Interessante Diskussionen auch drĂŒben bei rebellmarkt.

Nachtrag4: Wer sich etwas umfassender - und seriöser - ĂŒber Frau Osthoff und ihre Arbeit informieren möchte, fĂŒr den ist der Wikipedia-Artikel ĂŒber sie u.U. ein brauchbarer Ausgangspunkt. Schön bestĂ€tigt sich da auch mein Eindruck, dass der Versuch, Frau Osthoffs Reputation zu diskreditieren, tatsĂ€chlich von der FAZ auszugehen scheint. Im Weblinkteil gibt es auch ein paar interessante weiterfĂŒhrende Links, u.a. zur NYT etc.

Nachtrag5 (29.12.05): Klar, da zerrt man also nun eine durch jahrelange Ohnmacht in ihrer Arbeit zu Recht frustrierte, von den Boulevardmedien vom Opfer zum TĂ€ter gemachte und durch wochenlange Geiselhaft erfolgreich traumatisierte Person vor die Kamera (wohl noch etwa mit dem Argument, dass man das einer Öffentlichkeit schulde oder was?) und wundert sich, dass da nix bei rauskommt? Außer fĂŒr die BILD, die sich wie nicht anders zu erwarten in einem Zusammenhang zwischen “irrâ€?, “radikaler Moslemâ€? und Ă€hnlichem vorurteilsgesĂ€ttigten Stichworten pseudomoralisch das Maul zerreißt, da gleich neben dem Pin-Up-Girl.

Zum GlĂŒck gibt es wenigstens bei der Netzeitung ein bisschen Reflexion ĂŒber den hier immer offensichtlicher werdenen journalistischen Dilettantismus, der sich von Anfang an durch den “Fall Osthoffâ€? zieht, der IMO keiner ist, sondern ein “Fall Journalistenversagenâ€? und ein Fall “Politikerversagenâ€? wie auch ein “Fall BĂŒrgerversagenâ€?, denn der gemeine Unterschichtenfernseh-Zuschauer frisst ja scheinbar alles an Gammeljournalismus, was ihm vorgeworfen wird und scheißt es kurz danach in jede Ecke weiter. Das sollt’ ihm mal mit Lebensmitteln passieren, was er sich da medial verfĂŒttern lĂ€sst, da kĂ€m’ er ja aus dem Kotzen nicht mehr raus.

Ich wĂŒnsche jedem, der Frau Osthoff da jetzt in seinen bequemen Sessel pupsend be- oder gar verurteilt drei und mehr Jahre Arbeit unter schwersten existenziell belastenden Bedingungen, allein gelassen von Politik, uninteressant fĂŒr Medien, und am Ende völlig fĂŒr die Katz, und dann vier Wochen EntfĂŒhrung durch Leute, die wahrscheinlich nichtmal die englische oder deutsche Bedienungsanleitung der Handgranaten, Maschinengewehre und Raketenwerfer lesen können, die sie mit sich rumschleppen und auf sie richten. Dann gießen wir noch öffentlich einen großen Eimer Moral-GĂŒlle ĂŒber das Privatleben, wĂ€hrend die tatsĂ€chliche Leistung völlig im Dunkeln bleibt, weil medial uninteressant, und dann wird man in ein Studio geschubst, voll mit Journalisten-Dilettanten, die keine Ahnung haben, worum es geht. Dazu noch die HĂ€me von selbstgerechten wohlgenĂ€hrten RTL2-News-Guckern und BILD-Lesern, die keine hundertstelsekunde lang auch nur versuchen, sich in eine solche Lage reinzuversetzen aber einen völlig selbstverstĂ€ndlich auf niedrigstem persönlichem Niveau aburteilen und beleidigen (und das Ganze als Teil ihrer “Meinungsfreiheitâ€? bezeichnen).

Dann will ich sehen, ob derjenige auf teilweise wirklich blödsinnige Fragen klare und stringente Antworten liefern kann und wie er auf im Vorwurfston moralischer Überlegenheit vorgetragene Forderungen nach “Dankbarkeitâ€? beantwortet.

P.S.: Dr. Dean kam auf die einfache Idee, Frau Osthoffs Interview-Aussagen von dem umliegenden Geplapper zu befreien und stellt eine relativ klare inhaltliche Linie fest, zumindest jedenfalls ist das Ergebnis weniger wirr, wie mit dem anderen Redestrang. Dass da irgendwie zwei Leute jeweils von völlig anderen Dingen sprachen hab’ ich auch gemerkt (das ist wie jeweils die HĂ€lfte zweier verschiedener Dialoge aus zwei verschiedenen Filmen gegeneinander geschnitten), aber so genau hatte ich mir’s noch nicht angeschaut. Doch ja, so geht das eigentlich sehr gut. Und ein paar schöne Hintergrundinfos zum Thema Raubgrabungen etc. hat er auch gefunden.

Solange mir keiner von den besserwisserischen GroßmĂ€ulern, die da jetzt ĂŒber Osthoffs “irrenâ€? Auftritt ablĂ€stern, zeigt, dass er durch solche Situationen kommend in einer solchen Situation auch nur einen Tick besser agieren kann möge man sich mir gegenĂŒber mit Urteilen, die sich auf dieses Interview stĂŒtzen, sehr zurĂŒckhalten, wenn er keine gepfefferte Antwort vertragen kann, OK?

Nachtrag6 (29.12.05): Nach der EnttÀuschung mit der SZ (Link da oben) versöhnt mich dieses Interview wieder, das den Fokus mal wieder auf allgemeine Fakten und weg vom hÀmischen Ausverkauf des Privatlebens lenkt:

[
]
SZ: Ihre Erfolge, so heißt es, seien bei allem Engagement dĂŒrftig gewesen.

Sommerfeld: Das ist nicht wahr. Seit den frĂŒhen Neunzigern, seit den Zeiten des Embargos, haben sich Hilfsorganisationen ihre Sprach- und Ortskenntnisse zunutze gemacht. Und abgesehen von der humanitĂ€ren Arbeit: Was sie fĂŒr die ArchĂ€ologie geleistet hat, kann man gar nicht hoch genug schĂ€tzen.

Dass es heute ein Bewusstsein fĂŒr Raubgrabungen gibt, ist auch und vor allem ihr Verdienst. Sie hat eine Weltöffentlichkeit hergestellt fĂŒr den Schutz jahrtausendealter Hochkulturen. Das Unesco-Team hat sich die Raubgrabungen aus der Luft angesehen, sie hat Fernsehteams dorthin gebracht und es geschafft, dass es ĂŒberhaupt Bilder gibt. Am spektakulĂ€rsten war ein Bericht in der New York Times aus Isin vor zwei Jahren. Die Aufnahmen sind bis heute fast die einzigen Bilder von Raubgrabungen. Dass Großbritannien und die Schweiz die Unesco-Konvention zum Schutz von Kulturgut ratifiziert haben, hĂ€ngt damit zusammen.

[
]

SZ: Als Simona Pari und Simona Torretta nach ihrer EntfĂŒhrung 2004 freigelassen wurden, feierte sie ganz Italien, obwohl auch sie erklĂ€rt hatten, dass sie in den Irak zurĂŒckkehren wollen. Der grĂ¶ĂŸte Teil der deutschen Öffentlichkeit hat sich Susanne Osthoff gegenĂŒber schon wĂ€hrend der EntfĂŒhrung distanziert und ablehnend verhalten.

Sommerfeld:
Sie eignet sich nicht als Identifikationsfigur, sie ist nicht zu Weihnachten nach Deutschland gekommen, nicht in Talkshows aufgetreten. Bei vielen herrscht der Eindruck: Die will uns nicht. Und sie ist Muslimin. Der Islam aber wirkt so fremd und gefÀhrlich, dass ein Mensch, der sich freiwillig in diesen Kulturkreis begibt, nicht ganz normal sein kann. Das ist das eine. Vielleicht liegt in der Ablehnung aber auch eine projizierte Furcht: Wenn sie etwas unternimmt gegen die Not im Irak - gegen alle WiderstÀnde - warum tue ich nichts?

(via Dave-Kay)

Nachtrag7 (31.12.05): Schön, die FAZ kann nicht nur Verschwörungstheorien (braucht dafĂŒr aber eine Elke Heidenreich)

Nachtrag8 (31.12.05): Ein weiterer Aspekt in der Welt am Sonntag: “Der BND hat sie ausgepreßt und weggeworfenâ€? - und damit mehr offene Fragen, warum die Frau auch von Seiten der Politik so aggressiv angemacht wird


Nachtrag9 (1.1.06): So, und mit diesem Artikel in der FAZ, in dem die Bearbeitung des Interviews Frau Osthoffs im ZDF kritisch hinterleuchtet wird stellt Patrick Bahners den in meinen Augen durch jenen Verschwörungstheorie-Artikel (oben) arg ramponierten Ruf der FAZ wieder halbwegs her, vor allem, wenn er auch das eigene Blatt nicht aus der Kritik lÀsst (Hervorhebung von mir):

[
] Just zu dem Zeitpunkt, da in der deutschen Presse, auch in dieser Zeitung, Zweifel an der SeriositĂ€t von Susanne Osthoffs archĂ€ologischem und humanitĂ€rem Engagement artikuliert wurden, verweigerten ihr die Therapeuten vom ZDF die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge darzulegen. Man ließ ihr den Appell, die Deutschen sollten sich einmal „Gedanken ĂŒber den Hintergrund machen, daß sie nicht weit von dem Ganzen entfernt sindâ€?.

Es klingt wie eine Weltverschwörungstheorie, wenn sie anfĂŒgt: „Irak ist auch bei uns, ich habe ja erwĂ€hnt warumâ€?, aber dieses vorher ErwĂ€hnte ist der Bearbeitung zum Opfer gefallen [
]

(Link via Dr. Dean)

Nachtrag9 (3.1.06): Georg Meggle, Professor fĂŒr Philosophie an der UniversitĂ€t Leipzig mit Themenschwerpunkten u.a. Kommunikation, Kollektive IntentionalitĂ€t und Terrorismus, analysiert das Interview des ZDF in der Telepolis und kommt zu völlig anderen SchlĂŒssen als der grĂ¶ĂŸte Teil der Medien und der Öffentlichkeit. (Und damit zu einem Ergebnis, das mich doch ein wenig beruhigt, denn es bestĂ€tigt auch meine eigene EinschĂ€tzung, so dass ich wohl davon ausgehen kann, noch nicht völlig verscheuklappt zu sein):

[
] Der Kern der Botschaft der ArchĂ€ologin Susanne Osthoff ist sinngemĂ€ĂŸ dieser: Verdammt noch mal, unterscheidet doch endlich zwischen dem mir persönlich Zugestoßenen (ein “kurzes Verbrechenâ€?) und dessen grĂ¶ĂŸerem Kontext: Das “kurze Verbrechenâ€? an mir hat eine “lange Geschichteâ€?! Anders ausgedrĂŒckt: Wie wollt Ihr meinen Fall – d.h., mich – “verstehenâ€?, wenn Euch der (historische) Kontext derart egal ist?

Dieser Appell steckte schon in der dritten Antwort von Osthoff - und bis dahin waren auch ihre SĂ€tze noch weitgehend grammatisch korrekt. Der Appell blieb absolut wirkungslos. Die TV-Sprecherin – und sicher nicht nur sie - war auf diesem Ohr völlig taub. Kontext war im Rahmen dieser Sendung keiner vorgesehen. Ein tieferes VerstĂ€ndnis gehörte nicht zum Programm. “Verstehen Sie?â€? Auch dieses Signal ging ins Leere.

Es bleiben einige Thesen von Susanne Osthoff, die nach ErklÀrungen und dann wohl auch nach weiteren Diskussionen verlangen. [
]

Unbedingt lesen! Und spĂ€testens jetzt auch gleich (nochmal) das (nicht gekĂŒrzte) ZDF-Interview Und am besten vorher noch das bei al jazeera, denn darauf wird ja immer mal Bezug genommen, es also als bekannt vorausgesetzt), das, wie ich fĂŒrchte, von all denen, die ĂŒber Frau Osthoff so schnell und einfach den Stab brechen, noch nicht einmal wirklich ernsthaft gelesen wurde!

(via Kommentare bei lautgeben)

Nachtrag10 (3.1.06): Auch in der TAZ beginnt manch einer zu ahnen, dass das, was da abends im ZDF zu sehen und hören war nicht unbedingt das war, was tatsÀchlich kommuniziert wurde oder werden sollte:

[
] Susanne Osthoff nutzt die Gelegenheit, der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass im Irak bittere Not herrscht. An ihrem mit Sturheit gewappneten Eigensinn zerbricht der vom ZDF sorgfĂ€ltig eingefĂ€delte Text. Eine aufregende, emotionsgeladene und glĂŒcklich ĂŒberstandene EntfĂŒhrungsgeschichte war geplant. Aber Osthoff ist gegen allen “privaten Pipifaxâ€?: Wichtig wĂ€re es, “dass die BĂŒrger mal solche Dinge erfahren: weshalb wir da ĂŒberhaupt noch etwas tunâ€?. Noch wĂ€hrend sie ihre Hilfslieferungen fĂŒr vierzig irakische Familien organisierte, ging ihr das Geld fĂŒr die Miete im bayerischen Glonn aus. “Mein Vermieter hatte ja keine Gnade.â€? Und: “Ich habe aber gewusst, dass die Leute [im Irak] noch Ă€rmer sind als ich.â€? [
]

Nachtrag11 (4.1.06): Die Medienmaschine hat ihren Anspruch auf Personality wohl durchgesetzt - Frau Osthoff spielt nun ein wenig mehr nach deren Regeln, und schon werden die Töne ihr gegenĂŒber freundlicher und fairer. Schade nur, dass Fairness seitens Medien scheinbar nicht von vornherein gegeben wird sondern erst kommt, wenn man tut, was sie wollen.

Ein (ich weiß: ungebetener, aber
) Ratschlag von mir: sie sollte tatsĂ€chlich “mitspielenâ€?, mit etwas GlĂŒck schauen dann wenigstens ein paar Politiker und Verwaltungsbeamte doof aus der WĂ€sche, denn natĂŒrlich ist das so, dass man auch den Medien Dinge, die sie möchten und erwarten nur gegen Gegenleistung gibt. Hier wĂ€re eine solche, eben der Arbeit und dem Engagement Frau Osthoffs ebensoviel Platz einzurĂ€umen, als Bedingung dafĂŒr zu setzen, dass man auch “Personalityâ€?-Themen zulĂ€sst, die eigentlich keinen Arsch was angehen. Wer das System nicht Ă€ndern kann muss es wohl versuchen zu nutzen


Nachtrag12 (6.1.06): Auch RTL versucht nun, den von den Medien zerstörten Ruf Frau Osthoffs wieder ein wenig herzustellen (via Dr.Dean). Ist da nach doch inzwischen sehr massiver Kritik der letzten Zeit an den Medien ein allgemeines Umschwenken, gar eine aus Selbsterkenntnis gewonnene Einsicht zu erkennen, oder ist man nur zufrieden, weil Frau Osthoff den Forderungen der Medien nun doch ein wenig entgegenkommt und “persönlichesâ€? zulĂ€sst, die Medien sich also “erfolgreichâ€? sehen, Frau Osthoff gegenĂŒber ihren Willen mit Druck durchgesetzt zu haben?

Vor allem aber bin ich mal gespannt, ob das Thema “Raubgrabungenâ€? mit diesem nun endlich doch noch erfolgreich auf’s Private verlagerten Schwerpunkt nochmal je aufs Tablett kommt. Nein, von den Medien erwarte ich das nun wirklich nicht - aber u.U. schafft Frau Osthoff es, wenn sie nun nach den vorgegebenen Regeln spielt, hier doch nochmal einen unerwarteten Schachzug einzubringen


Nachtrag13 (10.1.06): Nachdem Frau Osthoff nun bei Beckmann war (hier mit Real-Video - und hier gleich der Kurzverriss) und damit dem “BedĂŒrfnisâ€? der Medien (die das freilich als BedĂŒrfnis des Zuschauers kaschieren) nach Personality und emotionalem Inhalt endlich entsprochen hat, so dass diese in den letzten Tagen sichtlich versuchten, einiges von dem, was sie kaputt gemacht haben wieder zu relativieren, gibt es sogar richtig selbstkritische Töne zur selbstgewĂ€hlten Aufgabe der Massenmedien und zu deren Methodik, die sich um Fakten und HintergrĂŒnde nicht bemĂŒht solange nur genug Emotion vermittelt werden kann:

[
] Wir sind eben, seit ein paar Jahren, keine Überbringer von Nachrichten mehr, wir verkaufen Emotionen, erzĂ€hlen Geschichten, entwerfen Weltbilder, wir suchen nicht Distanz, sondern NĂ€he, wir vermengen das, was in den Zeitungen frĂŒher voneinander getrennt wurde, wir machen es inzwischen fast alle so Ă€hnlich wie „Bild“. Jede Geisel muss fĂŒr eine runde Geschichte stehen, ihr Schicksal muss eine Botschaft enthalten, sie darf nicht einfach nach Hause gehen, erleichtert sein und schweigen. Wer schweigt, macht sich verdĂ€chtig.

Wenn diese Maschine erst einmal lĂ€uft, kann keine Macht sie anhalten, so lange, bis es uns langweilig wird. Osthoff wurde Opfer eines Verbrechens, sie muss sich deshalb nicht fĂŒr ihr Leben rechtfertigen. Sie muss nicht sympathisch sein. Solche SĂ€tze sind Theorie. In der Praxis sieht es so aus, dass Osthoff sich bei ihren ersten Medienauftritten dumm angestellt hat und jetzt vor der Frage steht, ob sie als verrĂŒckte Rabenmutter in die Geschichte eingehen möchte, wer will das schon. Also musste sie zu Beckmann gehen, und Beckmann stellte ihr die Mutter aller Fragen: „Was war das fĂŒr ein GefĂŒhl?“ [
]

Damit schließe ich fĂŒr mich dieses Thema zumindest halb zufrieden ab, denn fĂŒr einen Journalismus, der es zumindest stellenweise noch schafft, sich selbst und seine Mechanismen zu reflektieren gibt es noch Hoffnung. Auch die, dass aus dieser Selbsterkenntnis vielleicht doch noch mal die Einsicht erwĂ€chst, dass Journalismus, so er professionell sein will, nicht nur bestimmte Dinge besser nicht macht, will er sich noch selbst im Spiegel ansehen, sondern vielleicht sogar wieder seine Aufgabe findet: im Berichten ĂŒber HintergrĂŒnde, Fakten, ZusammenhĂ€nge, die Zeitrahmen von mehr als drei Wochen umfassen und in professioneller Recherche und Handwerk, das den Bedarf an Wissen bedient. Und nicht nur den kurzfristiger Soap-Unterhaltung. Denn dafĂŒr sind andere da. Vielleicht passiert sowas ja irgendwann, wenn die Beckmanns und Kerners und wie sie alle heißen endlich aufhören, Vorbild fĂŒr den Journalismus zu sein anstatt abschreckendes Beispiel, wie es sein sollte


Das war dann wohl der letzte Nachtrag einer der letzten NachtrĂ€ge, viel mehr ist nun erstmal nicht mehr zu erwarten, denke ich. Weitere weiterfĂŒhrende Links könnt ihr gerne (und werde ich ggf.) trotzdem noch in die Kommentare setzen. Die lohnen sich ĂŒbrigens auch zu lesen, denn ein paar Links, die ich jetzt nicht hier in den Artikel ĂŒbernommen habe, gibt es dort auch jetzt schon.

(Danke an Silke, die mir die obigen Links unten in die Kommentare schrieb)


denn einen hab’ ich noch:

Nachtrag14 (11.1.06): Auch die SZ verreisst die Beckmann-Sendung. Oder besser: den Beckmann. Und mit Recht.

[
] GĂ€nzlich verbieten sich all die anderen Fragen, die zuletzt von der sensationsgierigen Allgemeinheit an die Adresse der ehemaligen Geisel gestellt wurden. Es geht Außenstehende schlicht nichts an, wie gut sich Susanne Osthoff um ihre Tochter kĂŒmmert, wie das VerhĂ€ltnis zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern ist, wie stark sie raucht, oder wie medientauglich sie ist. Völlig deplaciert - weil womöglich gefĂ€hrlich - ist eine öffentliche Diskussion ĂŒber ihr VerhĂ€ltnis zum Bundesnachrichtendienst.

Reinhold Beckmann muss sich vor diesem Hintergrund die Frage gefallen lassen, warum er all diese NebensÀchlichkeiten in seiner Sendung eine volle Sendezeit lang thematisiert hat.

Um als Einzelgast bei ihm geladen zu werden, reicht ein Ministeramt in der Regel nicht aus. Da mĂŒsste sich schon die Kanzlerin oder ein Ă€hnliches Kaliber die Ehre geben. Im Gegensatz zu der Irak-Expertin ist die Kanzlerin allerdings seit Jahrzehnten im Umgang mit den Medien geschult. Susanne Osthoff hingegen war bis vor wenigen Wochen ein Mensch, dem die Medien keinerlei Beachtung schenkten (Anmerkung Sven: zumindest nicht die deutschen). All die wohlfeilen Kritiker der gebĂŒrtigen Bayerin sollten sich daher die ehrliche Frage stellen, wie glatt und geschmeidig sie wohl bei einem jĂ€hen Auftritt in einer 75-Minuten-Sendung mit der ungewöhnlich hohen Quote von 22,5 Prozent rĂŒberkĂ€men.

[
]

Doch die PrioritĂ€ten des Reinhold Beckmann waren offensichtlich anders gelagert. Das vorranige Ziel des Fernsehmanns lautete wohl, Teilhaber zu werden an der medialen Inszenierung, zu der der EntfĂŒhrungsfall Osthoff inzwischen verkommen ist. Diese Gelegenheit wollte er sich bei aller echten oder unechten EinfĂŒhlsamkeit nicht entgehen lassen.

(via Dave-Kay)

Nachtrag15 (14.1.06): FĂŒr diese Zusammenstellung (beim Demagogen) diverser Beckmann-Bashings seitens einiger namhafter Feuilletons auf Beckmanns Behauptung, seine Schmierigkeit beim Osthoff-Interview, die ihm von z.B. Antje Vollmer vorgeworfen wurde sei “weder beim Zuschauer noch in den Feuilletons angekommenâ€? lohnt es sich, doch nochmal einen Nachtrag zu machen. Und natĂŒrlich, dem Link zu folgen :-)


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Kommentar

Die Freiheit zu Tode schĂŒtzen

Bundesinnenminister Wolfgang SchĂ€uble will zum besseren Schutz bei der Fußball-Weltmeisterschaft das Grundgesetz Ă€ndern, um einen Bundeswehreinsatz im Innern zu ermöglichen.

“Warum sollten wir den Objektschutz nicht vorĂŒbergehend, zur Entlastung der Polizei, von der Bundeswehr machen lassen”, sagte der CDU-Politiker in einem Interview der “SĂŒddeutschen Zeitung” [
]

meldet Reuters.

Die Frage kann ich Herrn SchĂ€uble beantworten: Weil das nicht die Aufgabe der Bundeswehr oder ĂŒberhaupt von MilitĂ€r ist, der Bevölkerung gegenĂŒber zu stehen - naja, außer in China oder Ă€hnlich totalitĂ€ren Staaten eben. Hier die BĂŒrger, dort die Armee - die “VĂ€ter” des Grundgesetzes haben sich etwas (sehr Gutes) dabei gedacht, hier eindeutige Regelungen zu beschließen!

Die Erfahrung lehrt, was von Formulierungen wie “vorĂŒbergehend” oder “keinesfalls daunddafĂŒr nutzen” bzw. “strenge Ausnahmen” etc. zu halten ist, nĂ€mlich nichts - Möglichkeiten wecken Begehrlichkeiten, und was machbar ist, wird auch gemacht. Dass eine GrundgesetzĂ€nderung nach der WM wieder zurĂŒckgenommen wird ist doch wohl völlig illusorisch. Der Aufwand, fĂŒr ein paar Wochen das GG zu Ă€ndern und dann wieder zurĂŒck? Sorry, aber wer soll denn so einen Blödsinn glauben? Überhaupt muss man sich das mal reintun: Wegen eines Sport- und Wirtschaftsevents wird die Verfassung eines Staates geĂ€ndert? Wo sind wir denn?

Mit der Möglichkeit, die Armee gegen die eigenen, datentechnisch völlig glĂ€sernen und seiner Persönlichkeitsrechte immer mehr beraubten, BĂŒrger einzusetzen, muss man sich langsam fragen, ob die Furcht vor dem DrĂ€uen eines neuen Totalitarismus wirklich nur etwas fĂŒr Verschwörungsparanoiker ist. Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand ernsthaft will. Aber, verflixt, warum tun sie es denn dann trotzdem?

Ich wiederhole mich, glaube ich, wenn ich feststellen muss, dass ich der 30-er Jahre Generation langsam glaube, wenn sie erzĂ€hlen, dass sie nicht “gewusst” haben, wohin da damals die Reise ging, bis es plötzlich zu spĂ€t war. Es scheint tatsĂ€chlich so, dass das hintendieren zu totalitĂ€ren Strukturen weitgehend unbemerkt von Statten geht. Das Perfide diesmal ist, dass es ebenjene Freiheitsrechte sind, die da “geschĂŒtzt” werden soll - nunja, so geht das natĂŒrlich auch: was nicht mehr da ist kann auch nicht von “Terroristen” angegriffen werden


Ähnliche Fragen stellt sich auch Richard Gleim im Mehrzweckbeutel, bei dem ich die Meldung fand. Ja, das ist dort, wo ich damals auch die Frosch - im - Kochtopf - Story gefunden hatte.

8 Kommentare »

  1. Nils meint dazu:,

    16. December, 2005
    @ 15:35

    Du fragst “Wo sind wir denn?” - Ich antworte: In Deutschland. Da kann sowas schon einmal passieren. :-) Ich stimme Dir zu, dass es Ă€ußerst illusorisch ist, zu glauben, dass man temporĂ€r mal das GG Ă€ndert. WĂŒrde es geschehen, dann hieße es mit hoher Wahrscheinlichkeit nach der WM “Wieso? Lief doch alles gut. Hat nicht geschadet. Wird auch weiterhin nicht schaden. Wir lassen das!” - WĂ€re ja auch wieder ein vieeeel zu großer Aufwand, das Gesetz rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Also lassen wir das mal so, wie es ist - Falsch gedacht liebe Politiker!

    Bin mal gespannt, wie es die Medien aufnehmen. Oder ob die schon alle fröhlich eingenordet sind


  2. Schwerdtfegers Weblog meint dazu:,

    16. December, 2005
    @ 17:24

    Staatssicherheit und Ordnung!

    Dass unser gegenwĂ€rtiger Innenminister, Wolfgang SchĂ€uble, am Körper behindert ist, das ist kaum zu ĂŒbersehen, wenn man hinschaut. Allerdings scheint er in letzter Zeit auch geistig nicht mehr so ganz gegenwĂ€rtig zu sein. Das teilt sich ĂŒberdeut


  3. Dr. Dean meint dazu:,

    16. December, 2005
    @ 20:47

    Innenpolitiker verhalten sich in dieser Beziehung m.E. ->irgendwie wie Junkies. Mit immer höheren Dosen wollen sie sich als entschlossene KĂ€mpfer gegen Verbrechen, Terror bzw. “das Böse” prĂ€sentieren.

  4. rollinger meint dazu:,

    21. December, 2005
    @ 16:06

    Der SchĂ€uble mit seiner bösen Fischfresse kotzt mich an. Das Ă€rgert ihn jetzt, daß Fr. Osthoff schon frei ist und lebt. HĂ€tte er gerne noch ein paar Sicherheitsmechanismen eingebaut in unseren Staat.

    PS: Danke nochmals fĂŒr den Tipp bei den Frames, hab was hinbekommen, was gewĂŒnscht wird.
    ich meld mich nochmal deswegen

  5. Sven meint dazu:,

    21. December, 2005
    @ 17:25

    Das Ă€rgert nicht nur ihn, wie’s scheint, wenn ich mir da die Medien so anschaue, denen “ihre” Top-TrĂ€nenstory dieser Weihnachtssaison flöten geht. Vor allem, wenn die Frau es jetzt richtig macht und denen grad erst Recht nochmal die kalte Schulter zeigt. Ich kotz’ schon, drĂŒben im Gjallarhorn schlagen im Moment 10 Googletreffer die Stunde(!) auf mit “Osthoff selber schuld” und Ă€hnlichem, da hat die Stimmungsmache der boulevardesken Medien also prima gewirkt und ist -> auf stammtischtrunkene Kleinhirne getroffen, die das gerne annahmen - ist doch so rum viel besser - Einen zu haben, -> der “Schuld” ist mag der Mob und dass sich Opfer schnell mal in der Position des TĂ€ters wiederfinden ist ja fĂŒr bestimmte Boulevardmedien schon Normalzustand, vor allem, wenn das Opfer eine Frau ist.

    Von einem Innenminister wĂŒrde ich mir da lieber mal Sicherheit wĂŒnschen z.B. -> vor solchen Zeitungen wie BILD und deren Pseudojournalismus. Man muss ja wirklich Angst haben, in einen Unfall o.Ă€. verwickelt zu sein (wofĂŒr die Wahrscheinlichkeit wohl weit grĂ¶ĂŸer ist als in einen Terroranschlag zu geraten) und als Person, am besten noch mitsamt Familie etc. pp., von diesen Arschlöchern medial verwurstet zu werden. Was ich schon gehört habe, wie da BLÖD-”Reporter” auch bei nicht-Promis Druck machen, um TrĂ€nen, Fotos etc. zu bekommen ist wirklich nur noch kriminell. -> hier könnte der Herr Innenminister mal die BĂŒrger schĂŒtzen


  6. rollinger meint dazu:,

    22. December, 2005
    @ 14:20

    WÜrden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß unsere Familie mal fast wegen der Blös Zeitung zerbrach?!
    Und heute lesen die das Blatt trotzdem noch.
    Wer ist eigentlich blöder?

  7. Sven meint dazu:,

    22. December, 2005
    @ 15:13

    Glaub’ ich unbesehen. Und auch, dass es Leute gibt, die daraus keine Konsequenzen zu ziehen im Stande sind - sonst wĂŒrde es dieses Drecksblatt und Ă€hnliches Geschmeiß nicht (mehr) geben.

    Übrigens: das “Sie” irritiert mich ein bisschen, gebe ich zu, ich fĂŒhl’ mich dann so alt (mein Kreuz ist taub, meine Ohren sind blind, meine Augen sind alt und gebeugt) - mich kann man ganz prima duzen :-D

  8. MeOnly Weblog - Gespinst einer Netzbewohnerin meint dazu:,

    5. January, 2006
    @ 08:54

    Horror vs. Terror

    Zugegeben, mir krĂ€useln sich in letzter Zeit immer öfter die Nackenhaare, wenn ich das aktuelle Tagesgeschehen in Deutschland verfolge. Den Medienberichten zufolge, habe ich derzeit die “Wahl” zwischen zwei potentiellen Gefahrenquellen: Ein


Kommentar

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