Aufwachen in Dumpfland

Ich gehe nunmehr davon aus: ich lebe in einem Land, in dem etwas mehr als 1/3 von etwa 2/3 der Wahlberechtigten dumpfe ausländerfeindliche Parolen entweder mit Zustimmung wählen oder zumindest bewusst tolerieren und nicht ablehnen.

Denn auch, wenn es in den Medien jetzt plötzlich heißt, Kochs Wahlkampfthema sei „Jugendkriminalität“ gewesen, weil man sich nicht zu trauen scheint, das zu sagen, was jeder verstanden hat, auch wenn „formaljuristisch“ das „so ja niemand gesagt hat“ – Kochs Wahlkampf baute in meinen Augen überdeutlich auf Stimmung und Ressentiments gegen Ausländer und Vorurteile, die (wie ja auch nachgewiesen wurde) mit der Realität nichts zu tun haben.

Natürlich ist das dann gern mal ein „Missverständnis“ oder gar „böse Unterstellung“. Formal ist ein „Der muss sich nicht wundern, wenn man ihm eine in die Fresse haut“ auch keine Aufforderung dazu, jemandem tatsächlich eine reinzuschlagen – aber wenn ich das in einem bestimmten Ton und Setting sage ist es eindeutig, was ich mit dem was ich sage meine, auch wenn ich das nicht formal so sage.

Kochs Wahlkampf war in meinen Augen was das betraf nicht im geringsten subtil, sondern es war diesmal so offensichtlich, dass selbst der „Wohlwollendste“ das diesmal nicht mehr ignorieren oder schönreden konnte. Ich denke, dass Koch auch genau deshalb diesen Haufen an Wählern, die er das letzte mal noch hatte, verloren hat. Und ich denke deshalb auch, dass die, die ihn jetzt dennoch wählten, dies genau deshalb und in vollem Bewusstsein, was sie da wählen, getan haben. Da braucht sich diesmal wirklich keiner rauszureden versuchen.

Und ich weiß nicht, ob ich ob dieses dumpfen Potentials erschreckt sein soll oder es mich freuen soll, dass es scheinbar doch weit weniger Menschen gibt, die dumpfe Ressentiments und Vorurteile teilen und goutieren als es vor fünf Jahren den Anschein hatte.

Ich geh‘ jetzt kurz kotzen und dann auf die Arbeit. Gehabt euch wohl.

13 Gedanken zu „Aufwachen in Dumpfland

  1. Die Frage, die sich einem in solchen Momenten jeweils stellt ist doch: Ist das Glas zwei Drittel voll oder zwei Drittel leer?

    Wenn ich mir die SVP bei uns (mit ihren rund 30% Wähleranteil) anschaue, könnt‘ ich auch manchmal kotzen – ich halte aber die Betrachtungsweise, dass immerhin etwa zwei Drittel der Leute einigermassen vernünftig und weltoffen sind, für wesentlich gesünder… 😉

    Gruss, Peter

  2. Ich sag’s mal so: Wenn Dich das dumpfe Potential erst jetzt so erschreckt, hast Du viele Deiner Mitmenschen bisher für besser gehalten als sie sind. Aber das glaube ich nicht. Weil ich hier schon ’ne ganze Weile mitlese. Ich denke, Du weißt eigentlich schon lange, wie sie sind. Du wünschst sie Dir nur anders. Und solche Zahlen unterm Strich sind dann ’ne harte Konfrontation mit der deutschen Realität.
    Aber solche Wunschvorstellungen sind imo gesund und wichtig.

    Unser Altkanzler Helmut Schmidt hat mal gesagt:
    „Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen.“

    Das halte ich nicht für eine Absage an den Multikulturalismus, sondern für eine realistische Einschätzung der Gegebenheiten und Fähigkeiten unserer derzeitigen Gesellschaft.

    Aber er hat auch gesagt:

    „In den grundlegenden Fragen muss man naiv sein. Und ich bin der Meinung, dass die Probleme der Welt und der Menschheit ohne Idealismus nicht zu lösen sind. Gleichwohl glaube ich, dass man zugleich realistisch und pragmatisch sein sollte.“ – Weggefährten – Erinnerungen und Reflexionen, Berlin, 1996

    Mein persönliches Fazit daraus lautet: Wir Menschen sind nicht gut. Aber wir sollten nie aufhören, uns darum zu bemühen, besser zu werden.
    Realistisch und pragmatisch sein, um in der Gegenwart das Bestmögliche zu erreichen. Aber trotzdem das Träumen von einer besseren Zukunft nicht aufgeben. Denn unsere Träume sind unser Antrieb.

    Konkret: Ich weiß, dass wir in Deutschland keine multikulturelle Gesellschaft sind. Aber ich wünsche mir, dass wir (alle gemeinsam: Ureinwohner und Zuwanderer) nicht aufhören, danach zu streben.

    btw: Auch die Nichtwählerzahlen machen mich betroffen. Denn sie demonstrieren mir, wie vielen die Demokratie mittlerweile am A…. vorbei geht. Das halte ich für mindestens genauso bedenklich wie die (immer noch viel zu vielen) Stimmen für die CDU. Denn wie wir aus der Vergangenheit wissen sollten, sind nicht nur die Macher gefährlich sondern auch die Zuschauer, die sie machen lassen.

  3. Wenn ich mir das Wahlergebnis insgesamt anschaue und meinen Blick dabei besonders auf zwei ganz bestimmte Parteien richte, dann denke ich, das Koch seinen „Wahlkampf“ nur noch etwas poinierter hätte führen müssen. Er hätte dann bis zu 1,9 Prozent mehr Stimmen bekommen können.

  4. Ach, das geht sogar inzwischen, seit ich nicht mehr rauche hat sich mein Gewicht bei gesunden 70Kg stabilisiert. Aber ich vermeide auch inzwischen weitgehend Medienkonsum (sog. „Qualitätsjournalismus“), so dass sich das Kotzen inzwischen auch in besseren Grenzen hält…. 😀

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